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People | 05.10.2017

Auf einen Kaffee mit Deborah Feldman

Top. Mit 23 floh sie aus einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft in New York, schrieb ihre Autobiografie „Unorthodox“, übersiedelte nach Berlin und legt nun mit „Überbitten“ ihr neues Buch vor. Im November besucht sie Wien.

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„Überbitten bedeutet so viel wie Abbitte leisten, aber auf einer spirituellen Ebene.“ © Mathias Bothor 2017/Secession Verlag

Ihre autobiografische Erzählung „Unorthodox“ erschien 2012 (auf Deutsch erst 2016) und avancierte schlagartig zum New York-Times-Bestseller. Darin erzählt sie über ihr extrem abgeschiedenes Leben inmitten der Satmarer Chassiden, die enorm vielen Verbote und die besonders strengen Regeln Frauen bzw. Mädchen gegenüber, die nicht nur ihren gesamten Körper bedecken müssen, sondern auch zum Tragen von Perücken gezwungen werden.

Mutig. Mit 17 wird Deborah Feldman zwangsverheiratet, zwei Jahre später bringt sie ihren Sohn zur Welt und mit 23 gelingt ihr, was in diesem Umfeld einer Frau nur selten gelingt: Sie flieht und beginnt gemeinsam mit ihrem Sohn Isaac ein Leben in Freiheit. In ihrem neuen Buch „Überbitten“ beschreibt sie ihre Ängste, finanzielle Notsituationen, die zum Eizellenverkauf zwangen, ihre Europareisen und warum sie sich seit gut zweieinhalb Jahren in Berlin zu Hause fühlt. Deborah Feldman ist für einen „Women of the Year Award“ nominiert und kommt am 29. 11. zur Gala nach Wien.


look: Wenn Sie heute (acht Jahre danach) auf Ihre Flucht zurückblicken, wie fühlt sich das an?

Feldman: Ich bin erstaunt darüber, wie viel Glück ich im Leben hatte. Bei jeder Kreuzung habe ich irgendwie immer den richtigen Weg wählen können. Und so fühle ich mich fast wie von unsichtbaren Händen geschoben. Mir ist sehr bewusst, wie anders mein Leben hätte aussehen können, und dass es für viele andere ganz anders verlief.

 

 

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Starke Frau. Deborah Feldman, 31, genießt ihr neues, selbstbestimmtes Leben in Berlin. © Mathias Bothor 2017/Secession Verlag

In „Überbitten“ erzählen Sie auch offen  über finanzielle Nöte, die Sie sogar dazu trieben, Eizellen zu verkaufen. Woher nimmt eine junge Frau so viel Kraft?

Also, für mich ist das eher die Kraft der Verzweiflung, die in uns allen irgendwann mal erwacht. Das ist keine einzigartige Charaktereigenschaft, sondern ein menschlicher Instinkt. Die Frage ist, wie man diese Kraft der Verzweiflung anwendet. Ich habe überlegt, wie ich am besten rauskomme – diese Alternative war am Ende noch die beste unter den vielen Erniedrigungen.

 

Wieso, meinen Sie, brechen so wenige aus dieser Gemeinschaft aus?

Ich denke, die Konsequenzen sind zu gefährlich, und gleichzeitig weiß man, wie schlecht man auf das Leben dort draußen vorbereitet ist. Man verliert erst einmal alles Vertraute, Familie, Freunde, Sprache, Kultur, die soziale Sicherheit, und noch dazu ist man nicht ausgebildet, man ist mit keinem Beruf ausgestattet, man kennt die Sprache der Außenwelt nicht und man kennt auchnicht deren soziale Regeln, die kulturellen Signale und Symbole. Man ist also doppelt verarmt. Um auszusteigen, muss man schon das Gefühl haben, es gibt nichts mehr zu verlieren. Man muss gründlich verzweifelt sein.


Warum ausgerechnet Berlin?

Berlin war immer und ist auch heute noch eine Stadt, die allen alles erlaubt, wo alle eine zu ihnen passende Art der Zugehörigkeit erleben können. Niemand ist hier wirklich verwurzelt, aber dafür trifft man auf einen nachgiebigen Boden. Es ist ein Ort, wo alle zu Hause sein können, wenn sie das wollen, und zwar genau so, wie sie selbst sind. Sie müssen sich an nichts anpassen, sie müssen nicht konform mit irgendetwas ihnen Fremdem werden. Das ist einzigartig.

 

Sie werden am 29. 11. für den „look! Frauen des Jahres“-Award nominiert …

Es ist für mich und bestimmt für viele Menschen schwer zu begreifen, dass der eigene Lebensweg besondere Anerkennung verdient hätte. Am Ende ist mein Leben für mich selbst nicht besonders aufregend oder inspirierend, es ist einfach mein Leben, das einzige, das ich kenne, und ich denke nicht, dass ich mehr errungen habe als irgendeine andere Frau in meiner Position. Insofern fühle ich mich sehr unsicher, und ich hoffe, dass der Preis doch an jemanden verliehen wird, der diese Anerkennung wirklich verdient hat. Nach Wien reise ich sowieso, weil die Party so wunderschön sein soll, und ich habe so etwas noch nie erlebt. Also leihe ich mir ein Kleid und vielleicht lerne ich sogar noch den Wiener Walzer!

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"Unorthodox" von Deborah Feldman.
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"Überbitten" von Deborah Feldman.

Packend. Autobiografische Werke man sollte beide Bücher gelesen haben! Nach „Unorthodox“ erschien nun „Überbitten“, in dem Feldman über alle Schwierigkeiten und Ängste auf ihrem Weg in die Freiheit schreibt. www.secession-verlag.com

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