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Editor's Mind Angelica Pral-Haidbauers Kolumne

Editor's Mind | 09.02.2021

Wann hast du deinen letzten Liebesbrief geschrieben?

Wer regelmäßig zum Stift greift, kann in Vergessenheit geratene Gefühle wieder aufleben lassen.

Valentinstag 2021. Vieles habe ich über die Jahre schon über die Liebe geschrieben, über dieses Gefühl, das die Schriftstellerin Elke Heidenreich sogar in eine Formel brachte: C6H5 (NH2) CH3. Jenes PEA-Molekül, welches das Liebessyndrom im Gehirn auslöst und auch in der Schokolade enthalten ist. Was fällt mir also dazu noch ein? Vielleicht noch unsere Tante Betty, die wir 107 Jahre lang lieben durften. Elf Bundespräsidenten, zehn Päpste und zwei Weltkriege hatte sie erlebt, früh verwitwet, als akademische Malerin und Grafikerin ihre Kinder mit Skizzen von Festspielproben und Bühnenbildern durchgebracht. Kurz vor ihrem 105. Geburtstag antwortete sie auf meine Frage, ob sie in ihrem Leben etwas vermissen würde, mit: „Ich habe noch nie einen Liebesbrief bekommen.“ Also stöberten wir in der Literatur und fanden schwärmerische Liebesbriefe von Robert Schumann an seine Clara, Briefe voll Sehnsucht von Lew Nikolajewitsch Tolstoi an seine Sofia, von Peter Iljitsch Tschaikowski an „seine unsichtbare Geliebte“ Nadeschda und natürlich die Briefe von Mozart an „sein liebstes, bestes Weibchen“ Constanze. Unser Geschenk legte Tante Betty allerdings nach kurzer Lektüre mit den Worten „zu viel Liebe und zu viel Dramatik“ zur Seite. Umso mehr entzückt war sie über einen zuckerlrosa Lippenstift ihrer Urenkelin.

Wann hast du deinen letzten Liebesbrief geschrieben? Psychologen raten ja, in Beziehungen regelmäßig zum Stift zu greifen, weil so durch den Alltag in Vergessenheit geratene Gefühle als geschriebenes Wort wieder aufleben. Nun, Feder und Papier wurden längst durch E-Mail und SMS ersetzt, und spätestens nach Daniel Glattauers Roman „Gut gegen Nordwind“ hielt die digitale Form auch Einzug in die Literatur. Auch in Conny Bischofbergers Roman „Herzschweissen“ finden sich E-Mails voll Poesie, „Küssen mit Worten“ nennt sie diese Sprache. Und der von Tante Betty hochverehrte Malerkollege Arik Brauer verbindet Sprache mit Musik: „Die Melodie kommt aus der Sprache. Du willst etwas mitteilen, möglichst ausdrucksvoll, schon beginnen die Worte zu tanzen.“ Wie wäre es also mit einer Liebeserklärung, einem Tanz, aus Buchstaben gebaut?

Liebe Leserinnen und Leser, ihr müsst in eurer Valentinskarte nicht gleich bei den poetischen Liebesergüssen des Dichters Ovid Anleihe nehmen, obwohl er über die Jahrhunderte ganz brauchbare Vorlagen für Liebesbriefe lieferte. Manchmal reicht ja auch ein ehrliches „Schön, dass es dich gibt.“

In diesem Sinne, einen liebevollen Valentinstag!

Herzlichst, Ihre Angelica Pral-Haidbauer
Chefredakteurin