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Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 20.07.2020

Von der Logik, nicht logisch zu denken.

In Krisensituationen bin ich mir gegenüber streng. Sonst höre ich womöglich nicht auf mich.

Montag ist ein Hosentag, die beschwingte Leichtigkeit duftiger Röcke setzt bei mir frühestens am Donnerstag Vormittag ein.
„Live is life“ röhrte die Gruppe Opus aus dem Autoradio. „Nanananana!“, röhrte ich entschlossen mit. Im Kampf gegen den Montag-Vormittag darf man kein Mittel scheuen.

Dann hörte Opus auf zu singen und der Sprecher kündigte Meat Loaf an. Da schüttelt es einen ja.

Drehte das Radio ab, fingerte nach meinem Handy, um die genaue Adresse des Termins, bei dem ich in drei Minuten eintreffen sollte, zu erfahren.

Mein Handy. Ist normalerweise in meiner Tasche. Die Tasche. Ist normalerweise neben mir. Was war an diesem Hosen-Montag anders? Griff in die Tasche und griff ins Leere und fuhr rechts ran.

Krise. Zuerst drei Mal tief durchatmen und dann logisch denken. In unzähligen Situationen habe ich diesen Rat meines Mathe-Professors versucht zu befolgen, automatisch neige ich zu meiner Lieblings-Variation: aufhören zu atmen und... Panik!

Also gehen wir BITTE EINMAL logisch vor, allerwerteste Frau Chaotin (in Krisensituationen schlage ich mir gegenüber einen herben Ton an. Sonst hör‘ ich womöglich nicht auf mich).

Schritt eins: Ich rufe mich jetzt an, damit ich mein Handy finde. Wahrscheinlich ist es zwischen die Sitze gerutscht.

Schritt zwei: Schritt eins ist blöd. Jemand anderer muss mich anrufen. Wer auf der Erdberger Lände im Früh-Verkehr?

Schritt drei: Zwischen die Sitze kriechen und suchen. Sehr dunkel hier.

Schritt vier: Taschenlampe auf dem Handy einschalten. Geniale Idee!

Schritt fünf: Handy finden. Dann Taschenlampe einschalten, um endlich das Handy zu finden. Logisch denken ist bitte wirklich keine Hexerei.


Vor einigen Jahren suchte ich in meinem Auto nach einem Stück Käse, das von einem Autobrot stammte. Au
tobrote sind Brote, die als Frühstück ins Auto genommen werden. Ein Krümel davon war in eine Lücke zwischen die Sitze gerutscht und es stank so entsetzlich, dass sich die Kinder weigerten, ohne Atemschutzmaske ins Auto zu steigen. Corona war damals kein Thema.

Der Käse begann zu gären, es war unmöglich, ihn aus den Sitzritzen zu kratzen und das Auto ohne schweres Atemschutzgerät zu besteigen. Da es sich um ein Leasing-Fahrzeug handelte, stieg ich behende auf ein käsefreies Modell um, ich glaube, man hat den Käsewagen später unten herum aufgeschweißt, die Ursache des Geruches aber letztlich nie gefunden. Wenn meine Kinder zuschlagen, dann mit nachhaltiger Wucht.

Das fiel mir ein, als ich das Handy suchte, im Dunkel meines Wagens, wie ein Zirkusakrobat im Auto turnend, verzweifelt, niemandem telefonisch mitteilen zu können, wie verzweifelt ich war. Geteilte Verzweiflung ist ja die halbe Miete, setzt aber ein Handy voraus.

Überhaupt, setzt praktisch alles die Anwesenheit eines Handys voraus. Ohne fühlt man sich sinnlos und leer.

Mein Sohn überraschte mich einmal, als er noch sehr klein war, mit der Frage. „Mama, wozu bist du eigentlich da?“ Ich rang damals kurz nach Fassung und dann fiel mir ein: „Um dich lieb zu haben“. Da war er sehr zufrieden.

Irgendwie liebt man auch sein Handy. Aber ist man dazu da, die Welt auf den Kopf zu stellen, wenn es weg ist? Ich atmete drei Mal durch und fuhr nach Hause. Keiner da, wenn man ihn braucht. Nach zwei Stunden Recherche fand ich es im Schrank, friedlich gebettet neben dem Hosen-Stapel, von dem ich die Montags-Hose nahm.

19 Anrufe und 21 Nachrichten. Die Sonne schien, der Himmel war blau. Logisch wäre es jetzt, sich telefonisch zu melden. „Lebe! Bin wieder da!“ Und wenn die Logik fehlt, bleibt immer noch die Hoffnung. Zumindest mir, früher, bei den Mathe-Schularbeiten.

Ich streichelte mein Handy. Wir könnten zusammen abhauen, es und ich. Wir hätten einander. Und die Hoffnung, dass sie uns lange nicht finden.

 

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USCHI FELLNER, HERAUSGEBERIN UND CHEFREDAKTEURIN