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Events | 01.04.2019

Scheitern erlaubt!

Scheitern ist in unserer Erfolgsgesellschaft nicht vorgesehen. Doch wirtschaftliche wie persönliche Rückschläge sind oft unvermeidlich. Darüber spricht keiner gern. Die FuckUp Nights versuchen, mit dem Tabu ein wenig aufzuräumen, und bringen Geschichten übers Fehlermachen auf die Bühne mit dem Ziel, Rückschläge auch als Chance zu begreifen.

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(c) Harald Kienzl/Kuadrat

Die Geschichte der FuckUp Nights beginnt 2012 mitten in Mexiko. Ein paar Freunde erzählen einander über ihr persönliches Scheitern. Sie fühlen sich davon so beflügelt, dass sie ein bisher totgeschwiegenes Tabu zum inspirierenden Event machen: Seither treffen sich „Fuckuppers“ auf der ganzen Welt und erzählen einander von Projekten, Firmen oder sogar Ehen, die sie an Wand gefahren haben. Dabei geht es weder ums Jammern noch um den Versuch, jemand anderem Schuld in die Schuhe zu schieben. Im Zentrum steht die ganz persönliche Katastrophe: offen, ehrlich und ungeschönt. In Österreich finden diese Veranstaltungen regelmäßig in Linz, Dornbirn, Wien, Innsbruck und Graz statt. Aleksandra Nagele hat die FuckUp Nights erstmals im Jahr 2018 nach Salzburg gebracht. 

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(c) Harald Kienzl/Kuadrat

 

look! Salzburg: Frau Nagele, warum haben Sie letztes Jahr beschlossen, die FuckUp Nights in Salzburg zu organisieren?

Aleksandra Nagele: Weil ich selber Angst vorm Scheitern habe und um mir selber Mut zuzusprechen. Es gibt Menschen, die haben schon viele Rückschläge einstecken müssen, stehen aber wieder auf und machen weiter. Das gibt mir auch sehr viel Kraft und Energie, um meine Träume und Projekte umzusetzen. Ich kannte die FuckUp Nights schon von anderen Bundesländern und dachte mir immer schon, dass es total wichtig wäre, dass wir das auch in Salzburg haben, um eine vermeintlich perfekte Scheinwelt auch einmal von der anderen Seite zu beleuchten. Viele Leute waren von der Idee begeistert, und da ich so viele Unterstützer hatte, dachte ich mir, ich probiere es jetzt einfach mal aus.

Wie sieht so eine FuckUp Night aus? Was kann man sich darunter vorstellen?

Wir laden etwa zwei bis drei Personen ein, die jeweils 10 Minuten lang über ihre Geschichte erzählen. 
Es sind verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Geschichten. Jeder Speaker gliedert seine Geschichte in drei Teile ein: Die Person stellt sich vor, erzählt ihr „FuckUp“ und spricht zum Schluss über das, was sie daraus gelernt hat. Es ist schon wichtig, dass die Leute, die über ihre Geschichten erzählen, reflektiert sind und damit abgeschlossen haben. Mich berühren am meisten die Menschen, die ein Leben leben, das nicht ihres ist und die sich durch die Erfahrung des Scheiterns am Ende doch selbst verwirklichen. Das Publikum kann im Anschluss Fragen stellen. Das ist auch ein wesentlicher Bestandteil der FuckUp Nights – die Kommunikation untereinander.

Warum ist es so wichtig, nicht nur über den Erfolg, sondern auch über das Scheitern zu sprechen?

Wir leben in einer Welt, in der immer alles so glatt poliert sein muss. Man sieht es ja auch in den sozialen Medien, wo sich jeder perfekt inszenieren möchte. Keiner möchte zugeben, dass er auch Fehler macht. Der Selbstwert der Menschen ist ganz stark an die Leistung geknüpft. Ich möchte durch die FuckUp Nights vermitteln, dass man auch ein guter und wertvoller Mensch ist, wenn man Fehler macht. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt. Ich will das Scheitern nicht zelebrieren, aber es geht darum, die Leute aus dieser Vermeidungshaltung herauszubringen. Fehler gehören dazu. Man soll die Chancen daraus nutzen. Scheitern ist so negativ behaftet, dass uns die Angst davor bereits bremst. Sie bremst Ideen, lähmt unseren Mut und frisst am Ende jede mögliche Innovation.

Welche Rückmeldungen kommen vom Publikum?

Viele Menschen, die zur FuckUp Night kommen, stehen selber vor einem Problem im privaten oder beruflichen Bereich und brauchen oft einen Anstoß, um weiterzumachen. Die FuckUp Nights machen Mut und geben wieder Kraft, um weiterzumachen. Natürlich gibt es aber auch vereinzelt Leute, die zu mir kommen und mich fragen, warum ich das Scheitern so zum Thema mache. Ich versuche da immer zu erklären, welche Motivation dahintersteht.

Sollte man nicht schon bei der Kindererziehung anfangen, den Leistungsdruck etwas abzumindern? Wie sehen Sie das?

Ich bin Mutter zweier Kinder und versuche ihnen beizubringen, dass sich ihr Selbstwert nicht nach ihrer Leistung bemisst. Und sie sich nicht dann nur als gute Menschen empfinden, wenn sie etwas richtig machen. Ich möchte, dass sie, wenn sie einen Fehler gemacht haben, aufstehen und weitergehen. Und nicht im Selbstzweifel versinken. Es gab auch einen extremen Wandel. Früher hat es gereicht, wenn man einen Job, ein Hobby, oder Familie gehabt hat. Heutzutage müssen vor allem die jungen Menschen innerhalb kürzester Zeit eine Firma gegründet haben. Man hat ja auch durch diverse Fernsehformate eine überzogene Sicht auf die Realität. Alle müssen erfolgreich sein. Jeder muss eine Nische finden. Die Anerkennung von außen ist wie eine Droge. Dabei ist es so wichtig, dass man innerlich glücklich ist. Das fängt ja bereits in unserem Schulsystem an. Man wird bewertet, man achtet mehr auf die Schwächen als auf die Stärken. Der Fokus ist immer auf dem Mangel und nicht auf dem Talent. Ich finde, dass der Denkfehler darin liegt, das, was einen glücklich macht, auch zwanghaft unbedingt zum Beruf zu machen. Es wird einem suggeriert, dass man gleich ein Unternehmen gründen muss und ein Gewinn daraus entstehen soll. Die FuckUp Night bricht diese Gesellschaft, in der wir ständig bewertet werden, etwas auf.

Wie wird die Veranstaltung finanziert?


Kooperationspartner der ersten Stunde war die Grüne Wirtschaft Salzburg, seit 2019 unterstützen uns außerdem die Tauglerei, die Erzdiözese Salzburg, Start up Salzburg und 
Coworking Salzburg. Durch diese Kooperationspartner wird auch ermöglicht, dass der Eintritt für die Veranstaltung kostenlos ist. Es ist lediglich eine Anmeldung erforderlich, um die Tickets zu sichern, da die Plätze begrenzt sind.

Was wünschen Sie sich in den kommenden Jahren für die FuckUp Nights Salzburg?


Ich möchte dieses Projekt weiterhin so betreiben wie bisher, eventuell mit ein paar größeren Events dazwischen. Vielleicht spezielle FuckUp Nights zu gewissen Themen organisieren. Zum Beispiel Autoren oder Musiker und ihre Scheitererlebnisse, oder Scheitern in Familien. Ideen gibt es viele! Es können sich übrigens alle, die eine FuckUp-Geschichte zu erzählen haben, gerne bei mir melden.