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Lifestyle | 25.04.2019

Im Reich der Moai

Rapa Nui – die Osterinsel ist 3.700 Kilometer vom südamerikanischen Festland entfernt. Ein Fleckchen vulkanische Erde im Nirgendwo des Stillen Ozeans. Weit abseits üblicher Reiserouten und Urlaubsdestinationen. Von der Welt so gut wie vergessen – wären da nicht die mysteriösen Moai.

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Foto: Werner Thiele

Will man nicht unbedingt auf Thor Heyerdahls „Spuren“ den Pazifik auf einem Floß überqueren, dann ist die einzige Möglichkeit, die entlegene Insel zu erreichen, der Flug von Santiago de Chile. Den großspurig „Mataveri International Airport“ genannten Flughafen erreicht man in gut sechs Stunden vom chilenischen Festland aus. In den 1980er-Jahren erwählte die NASA das Eiland in den Weiten des Pazifiks als möglichen Spaceshuttle-Notlandeplatz, und so verfügt der Flughafen über eine gut ausgebaute Landebahn. Damit hat sich das internationale Flair aber auch schon wieder erschöpft. Die politisch Chile, geografisch jedoch Polynesien zugeordnete Insel nennt Hanga Roa seine „Hauptstadt“ – eine Kleinstadt mit gut 7.700 Einwohnern, keinerlei öffentlichen Verkehrsmitteln, einer einzigen Tankstelle in Flughafennähe, ein paar Geschäften, einer Handvoll Taxis, einem Hospital und einer Kirche. Seit der Tourismus 1967 mit der ersten Landung eines Passagierflugzeugs Einzug hielt, sind jedoch die Touristenzahlen stetig im Steigen begriffen. So wächst die Zahl an kleinen Restaurants, Geschäften und Hotels kontinuierlich, um den heuer etwa 125.000 erwarteten Touristen ein paar Annehmlichkeiten zu bieten. Statt mit dem Pferd wird man heute mit dem Auto auf den inzwischen größtenteils asphaltierten Straßen transportiert, die Stromausfälle sind selten geworden und auch die Trinkwasserversorgung ist dank Tiefbrunnen gesichert. Aber wegen des „Großstadtflairs“ kommt ohnehin keiner hierher. Die weltberühmte Sensation der entlegenen Insel sind die mystischen Moai-Statuen.

 

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Die wenigen Fischerboote ankern nachts im kleinen Hafen von Hanga Roa. (Foto: Werner Thiele)

Steinerne Wächter. Steht man den außergewöhnlichen Monolithen von Angesicht zu Angesicht gegenüber, wird der Zauber der Osterinsel so richtig spürbar. Aus dunklem Tuffgestein von unbekannten Steinmetzen gehauen, werfen die seltsamen Gestalten mehr Fragen auf, als sie beantworten. Entgegen der weitverbreiteten Meinung, es handle sich bei den Statuen nur um Köpfe, verfügen die bis zu 20 Meter großen Skulpturen auch über Gliedmaßen. Bei den Moai am Rano-Raraku-Krater sind die zugegebenermaßen etwas unterdimensionierten Körper lediglich im Boden eingesunken. Von den fast 900 Moai auf der Osterinsel – geschützt als UNESCO-Weltkulturerbe – befinden sich etwa 400 in unterschiedlichen Fertigungsstadien oben am Krater an ihrem Herstellungsort. Wieso die Arbeiten plötzlich eingestellt wurden, wer die Steinmetze überhaupt waren und warum die Moai von ihren zeremoniellen Plattformen gestürzt wurden, kann keiner so genau sagen. Niemand weiß, wie die bis zu 270 Tonnen schweren Kolosse transportiert wurden. Sicher ist nur, dass heute dank aufwändiger Restaurierungsarbeiten wieder 40 Moai aufrecht über die Insel wachen. Tongariki – die größte Zeremonialanlage – wurde in den 1990er-Jahren restauriert, und so warten hier 15 mächtige Moai als dankbares Fotomotiv auf die weit gereisten Touristen.

 

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Die Kultur der Rapanui wird heute liebevoll bewahrt und gepflegt. (Foto: Werner Thiele)

Düstere Vergangenheit. Über die Geschichte der Rapanui, wie die ursprünglichen Bewohner der Osterinsel heißen, gibt es mehr Hypothesen und Legenden als Fakten. Man vermutet, dass die Besiedelung der entlegenen Insel um etwa 1000 n. Chr. von Polynesien aus stattgefunden hat. Wie muss es einst dem Niederländer Jakob Roggeveen, dem offiziellen Entdecker der Osterinsel, ergangen sein, als er 1722 im Auftrag der westindischen Handelskompanie hier landete? Damals standen die Moai allesamt noch, ehe sie einem ungewissen Schicksal zum Opfer fielen. Roggeveen verdanken wir übrigens auch den Namen „Osterinsel“ – der Tag der Anlandung wurde Namensgeber. Mit der Ankunft der Europäer begannen jedoch harte Zeiten für die Rapanui. Neben internen Auseinandersetzungen zwischen den Stämmen dezimierten eingeschleppte Krankheiten wie Lepra die Bevölkerung rasch. Als die Insel 1888 von Chile annektiert wurde, wurden die verbliebenen Rapanui in Hanga Roa auf begrenztem Boden regelrecht eingepfercht, während über 60.000 Schafe die Insel fortan einnahmen. Erst 1966 erhielten die Rapanui volle Bürgerrechte. 40 Prozent der Oberfläche der Insel sind heute Nationalpark, den Rest teilen sich zugewanderte Chilenen und die wenigen noch lebenden Rapanui. Heute wird großen Wert darauf gelegt, die fast verloren gegangenen Traditionen wiederzubeleben, und in den Schulen wird die Sprache der Rapanui unterrichtet.

Karge Schönheit. So stehen sie also da, die Moai, als stumme Zeugen der schicksalsträchtigen Vergangenheit und durchaus auch düsteren Geschichte der Rapanui. Und als Besucher kann man sich an den dunklen Gesichtern in der weitläufigen Landschaft und dem Farbenspiel aus azurblauem Himmel, dunkelblauem Ozean und grüner Steppe kaum sattsehen. Ob Jakob Roggeveen bei seinem Osterspaziergang im Jahre 1722 wohl auch so beeindruckt war?

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Die 15 Moai von Tongariki wurden in den 1990ern restauriert. (Foto: Werner Thiele)