Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 06.06.2019

La Paz – Metropole im Höhenrausch

Ein Städtetrip in „Die Friedliche“, wie sich Boliviens Regierungssitz auf Spanisch nennt, ist ein herausfordernder und beeindruckender Angriff auf alle Sinne.

Bild Bolivien_Mavic Pro_SCE_2019_70x20_03.jpg
Foto: Werner Thiele

Stoßstange an Stoßstange, ein Modell älter und kaum fahrtüchtiger als das andere und das Ganze vor der Geräuschkulisse eines fast unerträglichen Hupkonzerts – der Verkehr in der Andenstadt La Paz ist alles andere, als der Name der Stadt suggeriert, nämlich „friedlich“. Die Rechtsregel gilt – theoretisch. Und auch andere Verkehrsregeln werden recht großzügig ausgelegt. Anderswo dominiert in dieser Höhenlage ein idyllischer Bergfrieden, dekoriert mit ein paar vereinzelten Bergziegen oder Steinböcken. Hier jedoch herrscht ohrenbetäubendes Großstadt(verkehrs)chaos. Am Horizont ragt der schneebedeckte Hausberg Illimani mit seinem Vierfach-Gipfel mehr als 6.400 Meter in die Höhe. Luftige Metropole. Die rasch wachsende Großstadt ist längst mit der etwa einem Kilometer höher auf der Hochebene gelegenen Stadt El Alto zu einem riesigen Städtegebilde verschmolzen, das an den steilen Cañon-Hängen emporwuchert. Anders als in vielen Städten weltweit gelten nicht die Höhenlagen als exklusiv, teuer und erstrebenswert. Hier herrscht der gegenteilige Zusammenhang: je höher gelegen, desto ärmer. Die einfachen Ziegelbauten von El Alto befinden sich immerhin schon auf einer Höhe von 4.100 Metern. La Paz liegt auf etwa 3.200 Höhenmetern und ist damit klimatisch begünstigt und wärmer und die Luft ist nicht ganz so dünn.

 

Bild Bolivien_Topside_D4_SCE_2019_0062.jpg
Foto: Werner Thiele

Atemberaubend. Das ist Boliviens Regierungssitz auch so genug. Dass einem sprichwörtlich die Luft wegbleibt, dafür sorgt die Höhenlage, gepaart mit den vielen chaotischen Sinneseindrücken. Das beginnt bereits mit der Ankunft am Flughafen. Man steigt nämlich auf gut 4.000 Metern Seehöhe aus – auf dieser Höhe fliegen andere Flugzeuge. So ist leider bei so manchem Reisenden ein ständiger Kopfschmerz als leichtes Symptom der Höhenkrankheit ein unwillkommener Begleiter bei diesem Städtetrip. Und dann sieht man etwas, das zwar hervorragend zur Höhenlage passt, das man aber eher in der Tiroler Bergwelt als in den südamerikanischen Anden vermuten würde: Doppelmayr-Gondeln. Die ganze Stadt wird durchzogen von einem Netz aus Gondelbahnen, genannt „Mi Teleferico“. Es handelt sich um nichts Anderes als die öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt. Selbst die „U-Bahn“ befindet sich im höchstgelegenen Regierungssitz der Welt in luftigen Höhen! Unglaubliche 33 Kilometer lang sind die nach Farben benannten Teilstrecken: Die „Linea morada“ beispielsweise startet am Flughafen und ist unser erster Eindruck einer Stadt, in der der Transportweg zu den Sehenswürdigkeiten selbst eine der größten Sehenswürdigkeiten ist.

 

Bild Bolivien_Topside_D4_SCE_2019_0841.jpg
Kunst findet man nicht nur im Museum – genaues Hinsehen lohnt sich. (Foto: Werner Thiele)

Streifzug durchs Zentrum. Ebenso auf der To-do-Liste der bolivianischen Highlights steht (außer als Tiroler über eine Vorarlberger Meisterleistung zu staunen) der Plaza Murillo mit dem Regierungspalast, dem Kongress und der Kathedrale. Der Kongress ist einen genaueren Blick wert, denn am Giebel befindet sich eine Uhr, die für Stirnrunzeln und verblüffte Mienen sorgt: In Südamerika gehen die Uhren wohl im wahrsten Sinn des Wortes anders! Die Erklärung für die offiziell als „Clock of the South“ bekannte Kuriosität leuchtet sogar ein: Uhren entstanden aus Sonnenuhren und deren Schattenwurf im Laufe des Tages. Auf der Südhalbkugel sieht dieser natürlich anders aus – wieso sollten also die Uhren nicht auf der südlichen Hemisphäre wahrlich gegen den Uhrzeigersinn gehen? Schütteln Sie nicht zu sehr den Kopf angesichts dieser verwirrenden Tatsache – das verstärkt nur die lästigen Kopfschmerzen und in dünner Luft denkt es sich nicht gerade besser. Lieber betrachtet man den farbenfrohen Regierungspalast am Plaza Murillo im klaren Licht und erfreut sich daran, wie die strahlenden Farben der Fassade zusammen mit dem leuchtenden Rot der Uniformen der Wachgarde ein fotogenes Bild ergeben. Leider stört der neu errichtete Präsidentensitz in seiner Betonwucht das koloniale Flair des Platzes ganz gewaltig (Sie wissen noch – Kopfschütteln vermeiden, das verstärkt nur die Kopfschmerzen!): Städteplanung ist in La Paz definitiv ein Fremdwort und die Ästhetik dieses Neubaus mag man getrost anzweifeln.

Bild Bolivien_Topside_D4_SCE_2019_0896.jpg
Der Lagen-Look, „Layering“, ist hier nicht nur eine Frage des Stils oder des Alters, sondern in erster Linie eine Frage der Temperaturen. (Foto: Werner Thiele)

Nichts für schwache Mägen. So viel Sightseeing macht hungrig und neugierig durchstreift man „El Mercado de Las Brujas de La Paz“, den Hexenmarkt, nach Essbarem. Hier helfen die paar Brocken Touristen-Spanisch kaum mehr weiter – zu exotisch sind die feilgebotenen Waren und angesichts so manches Ausstellungsstücks (getrocknete Lama-Föten!) dreht sich einem der Magen um. Hier ist man richtig, wenn man auf der Suche nach einem Fruchtbarkeitszauber ist, jemanden professionell verfluchen lassen möchte oder einfach einen originellen Glücksbringer sucht. Empfindliche Mägen halten sich eher an die farbenfrohen Stoffe und angebotenen Wollwaren. Ein paar „tucumanas“ tun dann aber doch gut – köstliche mit Zwiebeln, Karotten, Kartoffeln, Fleisch und je nach Rezept auch Eiern gefüllte, herausgebackene Teigtaschen. Und wieder eine Runde Doppelmayr-Schaukeln. Die relative Ruhe über den Dächern der Stadt tut gut. Natürlich vorausgesetzt, man war klug genug, die Rushhour zu vermeiden. Das waren wir und genießen nun den gedämpften Großstadtlärm aus luftiger Höhe und bei nächtlicher Beleuchtung. Über den Häusern schweben, anstatt in den Häuserschluchten im Stau stehen – bei Doppelmayr hat wohl jemand den richtigen Glücksbringer auf dem Hexenmarkt gekauft.