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Lifestyle | 05.07.2019

Diese Biene, die ich meine

Sobald es warm wird und sich die ersten Blütenkelche Richtung Sonne strecken, fliegen sie aus: die wohl umtriebigsten und produktivsten Arbeiterinnen des Tierreichs.

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Bis zu 60.000 Bienen kann ein einzelnes Bienenvolk umfassen. (Foto: Shutterstock)

Frechheit, Schläue und geringe Größe sagte ein tschechischer Sänger der Biene einmal nach. Ob er mit seinem Urteil ob der Intelligenz und Dreistigkeit der Honigproduzenten richtig lag, ist noch umstritten, aber zumindest im letzten Punkt hatte er auf jeden Fall recht. Eine Faustregel unter Imkern besagt, dass 10.000 europäische Honigbienen etwa ein Kilogramm schwer sind. Die einzelne Arbeiterin bringt demnach nur ein durchschnittliches Gewicht von 0,1 Gramm auf die, zugegeben sehr empfindliche, Badezimmerwaage. Ihre zierliche Statur straft ihre Bedeutung für Flora, Fauna und nicht zuletzt auch den Menschen aber eindeutig Lügen. Boxen die fleißigen Honigproduzenten im absoluten Gewichtsvergleich zwar noch in der Fliegengewichtsklasse, sind sie, was ihren immensen Einfluss auf unser Ökosystem angeht, waschechte Schwergewichte.

 

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Foto: Shutterstock

Alpenüberquerung. Nimmt man es genau, gibt es in Österreich sogar zwei Arten von Honigbienen. Die sogenannte Kärntner Biene (Apis Mellifera Carnica) existierte zwar ursprünglich nur auf der Südseite der Alpen, wurde aber in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch im nördlichen Alpenraum angesiedelt. Inzwischen hat sie die eigentlich heimische Dunkle Europäische Biene (Apis Mellifera Mellifera) in weiten Teilen Österreichs verdrängt. Das liegt großteils daran, dass die Kärntner Biene genau das ein klein wenig besser macht, womit die meisten Menschen diese fleißigen Insekten vorrangig in Verbindung bringen: Honig sammeln. Wobei dies nicht ganz korrekt ist. Denn Bienen sammeln keinen Honig, sondern vielmehr den Nektar von Pflanzen und Honigtau von einigen Schild- und Blattlausarten, die dann zurück in den Stock geflogen und dort in leere Wabenzellen gefüllt werden, um hier noch etwas auszutrocknen und damit anzudicken. Erst wenn diese Waben vom Imker entnommen und der Inhalt zentrifugiert wird, ist er das, was wir später im Supermarkt, auf Bauernmärkten oder auch direkt bei einem Imkereibetrieb kaufen können: süße Vielfalt. Egal ob als Kuchenzutat im Bienenstich, als Süßmittel für Tee oder vergärt als Met, die kulinarischen Qualitäten von Honig sind mindestens so unbestritten wie vielfältig. Neben diesen hat Honig aber noch eine Vielzahl an anderen Anwendungsarten. Honig-Haarkuren, Honig-Shampoo, Handcreme mit Honig, honighaltiges Massageöl, Honig-Rasierseife – die Liste ließe sich wohl fast unendlich lang weiterführen. Doch Honig ist bei weitem nicht die einzige Kostbarkeit, die von den kleinen Fluginsekten in ihren Stöcken produziert und wiederum von uns genutzt und weiterverarbeitet wird. Kerzen aus Bienenwachs oder die Verwendung als Holzpflegemittel sind weitläufig bekannt, der Gebrauch sogar als Knochenwachs zur Versiegelung von Knochenverletzungen bei chirurgischen Eingriffen ist weitestgehend noch unbekannt.

 

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In ihren Waben verwaren die Arbeiterinnen ihren kostbaren Honig. (Foto: Shutterstock)

Leim – starker Stoff. Propolis, auch Bienenharz genannt, fungiert in der Benutzung durch Bienen als eine Art Leim oder Kitt, mit dem kleinere Löcher und Ritzen abgedichtet werden. In der Verwendung durch den Menschen gilt es allerdings als (unterstützendes) Heilmittel bei Entzündungen und wird zur allgemeinen Stärkung des Immunsystems eingesetzt. Diese besonderen Fähigkeiten sind den klimatischen Bedingungen innerhalb des Stockes geschuldet. Temperaturen von bis zu 35 Grad Celsius und außergewöhnlich hohe Luftfeuchtigkeit bieten einen nahezu idealen Nährboden für diverse Bakterien, Pilze und andere Mikroorganismen, die allesamt mit der wundersamen Wirkung von Propolis gehemmt oder abgetötet werden können. Die Anwendung im medizinischen und kosmetischen Bereich sind daher naheliegend. Gerade Produkte wie Wundheilsalben, Hautbalsam oder auch Zahnpasten setzen gerade auf diese Wirkung.

Für die Königin – nur das Beste. Nicht nur für uns, sondern auch für die Bienen selbst ist Gelee royale besonders wichtig. Kein Wunder, ist es doch dieser Futtersaft, der entscheidet, ob aus einer Larve einmal eine prachtvolle Königin oder doch nur eine gewöhnliche Arbeiterin oder Drohne wird. Während bei dem niedrigen Fußvolk die Fütterung mit dem kostbaren Gelee nämlich schon nach drei Tagen eingestellt wird, darf sich eine zukünftige Königin bis zu ihrem Schlüpfen daran erfreuen. Dementsprechend wertvoll ist es auch. Ein starkes Bienenvolk kann in einer Saison gerade einmal knapp 500 Gramm davon herstellen und das auch nur durch den Einsatz von künstlichen Königinnenzellen. Dieser Prozess bedeutet oftmals einen großen Stressfaktor für das Volk und wird daher nur selten angewendet. In den letzten Jahren erlebt die Imkerei einen Aufschwung. Nicht zuletzt durch die dramatischen Erkenntnisse um die Bedrohung durch die Varroamilbe und das weltweite Bienensterben ist das Interesse am Arbeiten mit Bienen wieder gestiegen. Imkermeister Martin Ennemoser zählt wohl zu den Koryphäen auf dem Gebiet der Imkerei und des Umgang mit Bienen. Dazu haben wir ihm einige Fragen gestellt.

 

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"Honig ist die gespeicherte Sonnenenergie des Sommers!" – Martin Ennemoser (Foto: Die Fotografen Innsbruck)

TIROLERIN: Zuerst vielleicht ein historischer Abstecher. Woher kommt die Imkerei? Kann man eruieren, seit wann sie betrieben wird? Kurz: Wie kam der Mensch zur Biene?
Martin Ennemoser: Schon seit der Steinzeit. In der Spinngrotte bei Valencia gibt es eine Höhlenzeichnung, die eine Person beim Honigausnehmen zeigt. 

Wie steht es um die Imkerei? Nimmt die Zahl der Imker bzw. Völker zu?
Die Zahl der Imker steigt erfreulicherweise an und wird auch weiblicher. Inzwischen sind ein Drittel aller Kursteilnehmer Frauen.

Begriffe wie Blüten- oder Waldhonig kennt jeder aus dem Handel. Wie unterscheiden sie sich bzw. gibt es einen Unterschied, der eventuell auch markenrechtlich regional festgelegt ist?
Blütenhonig stammt von Blüten aller Art. Bei uns kommt viel davon von der Alpenrose. Waldhonig ist ein Ausscheidungsprodukt von Läusen, das von der Ameise sowie von der Biene genutzt wird. Der Kunde unterscheidet meist hell oder dunkel. Hell ist Blütenhonig und dunkel meist Waldhonig. Blütenhonig kristallisiert durch den höheren Anteil an Traubenzucker schneller, während Waldhonig länger flüssig bleibt. Beide sind aber ein ausgezeichnetes Genussmittel. Honig ist die gespeicherte Sonnenenergie des Sommers!

 

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Foto: Shutterstock

Neben dem Honig gibt es noch andere Imkereiprodukte. Welche sind die wichtigsten oder beliebtesten? Welche werden vielleicht vernachlässigt und warum?
Die Biene ist das Lebewesen, dass die meisten Produkte hervorbringt. Propolis ist das Harz von Pflanzenknospen, das von Bienen eingetragen und bearbeitet wird. Es ist ein natürliches Antibiotikum, das hauptsächlich in Form von Tropfen und Cremen zum Einsatz kommt. Bienenwachs, der Baustoff im Bienenvolk, ist uns hauptsächlich als Kerze bekannt. Aber auch als Wachskompresse bei Erkältung oder in Leinentücher getränkt als Ersatz für Frischhaltefolien findet es Verwendung. Blütenpollen, welche die Biene an ihren Hinterbeinen nach Hause trägt, sind eines der vollwertigsten Nahrungsmittel und für unsere Gesundheit ein wahrer Schatz. Gelee royale, das Futter der Königin, das in teuren Gesichtscremes verarbeitet wird, wird leider fast ausschließlich in China produziert, da eine Produktion in Europa zu teuer wäre. Alleine das Einatmen der Bienenstockluft soll durch ätherische Düfte ein wahrer Segen für Geist und Körper sein. Sogar der Stich der Biene hat eine heilende Wirkung. Er wird zum Beispiel bei Rheumabehandlungen eingesetzt.

 

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Die Ausflugssaison der Bienen beginnt im Frühjahr mit der Weidenblüte. Bis in den Herbst sammeln sie eifrig Vorräte für den Winter. (Foto: Shutterstock)

Das (weltweite) Bienensterben ist momentan in aller Munde. Wie steht es tatsächlich darum und wie weit sind auch unsere heimischen Bienen davon betroffen?
Die Imkerei hat seit circa 35 Jahren ein großes Problem mit der aus Asien eingeschleppten Varroamilbe, die uns immer wieder große Verluste zufügt. Daneben ist die Art der Landbewirtschaftung und der damit einhergehende Verlust von Blütenpflanzen ein großes Problem für unserer Bienen. Jeder nicht so oft gemähte Garten oder jede Wiesenfläche kann helfen, die Insekten zu bewahren. Natürlich ist aber auch der Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln ein Problem.

Gibt es spezielle Anforderungen an Imker oder ist die Imkerei etwas für jeden?
Es gibt keine besonderen Voraussetzungen, um Imker zu werden. Aber man sollte bitte nicht meinen, nur weil man einen oder mehrere Bienenstöcke hat, rette man die Welt! Oft passiert dann genau das Gegenteil, da sich in solchen Völkern die Varroamilbe vermehrt und andere Völker befällt. Bevor man Imker werden will, würde ich einen Kurs empfehlen, vielleicht kann man auch eine Saison mit einem erfahrenen Imker mitgehen. Eine gewisse Zeitinvestition sollte man auch einrechnen, und es sollte jedem klar sein, dass die Biene zwar kein Haustier ist, aber doch ein Lebewesen, das Pflege braucht.