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Lifestyle | 03.10.2019

Reich der Mitte

Eine der größten Wirtschaftsmächte hat auch eine der ältesten Dekor- und Inneneinrichtungstraditionen der Welt. Chinesisches Interieur fasziniert und inspiriert.

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Konfuzianische Symmetrie ist allgegenwärtig.  (Foto: Shutterstock)

Das viertgrößte Land der Welt ist für viele Europäer immer noch ein exotischer und fast mystischer Fleck Erde. Dies verwundert kaum, denn China hat die größte Bevölkerung aller Staaten und weist damit eine schier unfassbare Vielfalt an Traditionen, Stilrichtungen und Denkweisen auf. Dieser kulturelle Facettenreichtum entfaltet seine für uns faszinierende Andersartigkeit oftmals gerade in den Dingen des Alltags. Chinesisches Interieur benutzt herausstechende und einzigartige Techniken, Materialien und Elemente, die die Kultur des Landes und dessen Ästhetik widerspiegeln.

 

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Mythische Kreaturen sind Teil der buddhistischen Lehren. (Foto: Shutterstock)

Evolution. Grazile und elegante Designs, minutiöse Details und ausgewählte Materialien sowie umsichtige Raumplanung zeichnen den klassisch chinesischen Stil aus. Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus, die drei Grundsteine der chinesischen Philosophie und Religion, waren lange Zeit auch im Innendesign spürbar. Tempelausstattungen und -architektur fanden Einzug in die Heime und Häuser einfacher Menschen sowie in die Paläste von Monarchen und Aristokraten. Die chinesische Klassik war unumstritten eine der frühen Hochzeiten des Designwesens. In der Zeit der selbstauferlegten Isolation vom Geschehen der restlichen Welt kamen Innovation und neuartige Denkweisen allerdings fast zum Erliegen. Ohne Einflüsse von außen, ohne einen Spiegel zur Reflektion der eigenen Methoden, Techniken und Ausrichtungen kehrte Stillstand ein. Die in der Zwischenzeit erstarkte und durch Kolonialismus und Krieg weltweit verbreitete westliche Ästhetik machte sich nach der gewaltsamen Öffnung auch in China bemerkbar. Zwar gebot die Kulturrevolution der 1960er und 1970er Jahre diesem übermächtigen Einfluss Einhalt, sie sorgte aber wiederum durch Isolationismus und gleichgerichtetes Denken dafür, dass China gesellschaftlich wie wirtschaftlich dramatisch zurückgeworfen wurde. Erst in den letzten Jahrzehnten regte sich wieder eine junge und tatkräftige Bewegung, die sowohl vor Neuem und Fremdem nicht zurückschreckt als auch den althergebrachten Traditionen Respekt zollt.

 

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(Foto: Shutterstock)

Holzdelfine. Das wahrscheinlich bekannteste Konzept der fernöstlichen Verschmelzung aus Inneneinrichtung, Philosophie und Mystizismus ist sicherlich Feng-Shui. Seine Lehre basiert auf drei Prinzipien. Als massiver Trend Mitte der 1990er Jahre in Europa ist das System der Gestaltung nach Energieflüssen zum Klischee und zum geflügelten Wort für Esoterik geworden. Wird es bei uns oftmals mit „Möbelrücken“ abgetan, ist Feng-Shui, auch Kan Yu genannt, in seinem Ursprungsland Leitlinie für die gesamte Planung, Konstruktion und Einrichtung von Gebäuden. Als warnendes Beispiel steht Feng-Shui für das quacksalberische und profitorientierte Übernehmen von fremden Konzepten.

 

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Taoistische Einflüsse drücken sich durch die Verschmelzung mit der Natur aus. (Foto: Shutterstock)

Mystisches Erbe. Die drei großen Strömungen der chinesischen Philosophie machen sich dabei immer noch bemerkbar. Konfuzianisch-elegantes Design bevorzugt starke geometrische Formen und symmetrische Ausrichtungen in der Raumgestaltung. Es symbolisiert damit Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Wissen. Taoistische Gedanken wie die Verbindung des Menschen mit der Natur und innere Harmonie drücken sich dagegen in Formen aus, die ihre Eleganz durch ihre Simplizität und Einfachheit gewinnen. Weltfremde und überirdisch wirkende Designs sind letztlich Verkörperung der buddhistischen Strömung. Die Vielfalt und Größe Chinas wird auch hier spürbar, denn trotz ihrer unterschiedlichen Ausrichtung ist es keine Seltenheit, Elemente aus allen drei Schulen in einem Raum vereint zu sehen.

Demut. Genau wie seine Kultur ist auch die Kunst der Inneneinrichtung in China ein schier unerfindlich breites Feld an unterschiedlichen Einflüssen und Ausgestaltungen. Wer sich dies zu eigen machen will, ist gut beraten, sich mit den Prinzipien und der Geschichte dieser faszinierenden Tradition auseinanderzusetzen, um nicht den Weg des europäischen Feng-Shui zu gehen.