Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 30.10.2019

Eine lebenslange Gratwanderung

Prim. Univ.-Prof. Dr. Christian Haring über provozierten Konsum, das Stigma Sucht und den Weg in ein Leben ohne Abhängigkeit.

Themen:
Bild shutterstock_1490261237.jpg
(Foto: Shutterstock)

Die stündliche Lust auf eine Zigarette ist längst keine Außerordentlichkeit mehr, der tägliche Griff zur Flasche blanke Normalität: Sucht verändert – sowohl Menschen als auch deren Prioritäten. Wer einmal in eine Abhängigkeit geschlittert ist, kennt das Gefühl von Fremdsteuerung, dem man als Süchtiger permanent unterliegt, und weiß: Der Weg aus dem Teufelskreis Überkonsum ist kein einfacher. Hilfe bekommen Betroffene heute mitunter im Landeskrankenhaus Hall, wo sich Prim. Univ.-Prof. Dr. Christian Haring schon seit Jahren dem Thema widmet. Wir haben den Experten getroffen und mit ihm über die Anfänge von Abhängigkeit, Therapiemöglichkeiten und Sucht in Tirol gesprochen.

TIROLERIN: Was bedeutet Sucht eigentlich?
Christian Haring: Bei der Entwicklung von Sucht spielt unser Belohnungszentrum eine tragende Rolle. Wenn ein Mensch in eine bestimmte Situation kommt und seine
Reaktion darauf positive Empfindungen auslöst, speichert unser Gehirn das. Wir tendieren dazu, dieselben Muster in späterer Folge zu wiederholen. Dasselbe gilt für den Konsum verschiedener Substanzen, die Glücksgefühle hervorrufen. Wissenschaftlich gesehen basiert Abhängigkeit also einfach nur auf neuronalen Prozessen.

Wo fängt Abhängigkeit dann an? Ist das gewohnte Glas Wein nach Feierabend schon zu viel?
Prinzipiell schließt Genuss Sucht aus. Ein, zwei Gläser Wein zu trinken und damit den Tag ausklingen zu lassen, ist vollkommen legitim und in Ordnung. Konsum kann immerhin auch einen sehr rituellen Charakter annehmen. Es geht vielmehr um die Art und Weise, wie man zu bestimmten Substanzen steht. Abhängigkeit bedeutet, dass alle funktionierenden Mechanismen in einem Leben durch die Sucht ersetzt werden. Wenn Alkohol plötzlich eine Lösung darstellt und Pflichten durch Konsum ersetzt werden, dann sprechen wir von einem ungesunden Verhältnis zum jeweiligen Stoff.

 

 

Bild Prof. Dr. Christian Haring_Fotonachweis Mag. Roland Mühlanger_14_F_1.jpg
Dr. Christian Haring ist ärztlicher Direktor des Landeskrankenhauses Hall und Mitbegründer des Suchthilfevereins BIN, der Menschen seit mehr als zwei Jahrzehnten auf dem Weg aus der Abhängigkeit unterstützt. (Foto: Mag. Roland Mühlanger)

Könnte man sagen, dass wir in einer süchtigen Gesellschaft leben? 
In gewisser Hinsicht bestimmt, ohne dabei kulturpessimistisch sein zu wollen. Auf jeden Fall leben wir in einer Konsumgesellschaft. Wir werden von Werbung überschüttet und sehen uns ständig mit Verführung konfrontiert. Heute ist alles machbar und nichts gut genug, es gibt kein Problem mehr, das man nicht lösen kann, es herrscht ein ständiges Überangebot an Gegenständen, Emotionen und Substanzen. Unser Zeitgeist baut auf Überkonsum. Genau deswegen haben viele Menschen auch das permanente Bedürfnis, glücklich zu sein. Und über Substanzen führt nun mal der einfachste Weg dorthin.

Also sehen Sie in steigenden Suchtraten einen Spiegel unserer Lebensweise?
Ich denke zumindest, dass Verzicht im Lebenskonzept vieler Menschen keine Rolle mehr spielt. Früher war es vollkommen normal, Urlaube zu streichen, um sich dafür ein neues Auto kaufen zu können. Heute brauchen wir immer mehr. Neben dem neuesten BMW auch noch einen riesigen Flatscreen, eine große Wohnung und die teuerste Kleidung. Alles gleichzeitig und möglichst sofort. Man könnte das auch als einen Teufelskreis sehen, den Kapitalismus und Wirtschaft provoziert haben. Und ja, bringt man Überkonsum mit Sucht in Verbindung, lassen sich durchaus Parallelen erkennen.

Welcher Abhängigkeit verfallen Tiroler tendenziell am häufigsten? 
Nikotin ist eine der gängigsten und gefährlichsten Süchte. Pro Jahr sterben landesweit etwa 1.400 Menschen an den Folgen des Rauchens. Rund 800 Personen wird langjähriger Alkoholkonsum zum Verhängnis und nur 20 Menschen sterben in Tirol jährlich an illegalen Drogen. Diese Zahlen sind besonders spannend, wenn man sich die Wahrnehmung dieser Süchte in der Gesellschaft ansieht. Nach Auffassung der breiten Masse haben wir ein riesiges Drogenproblem. Alkohol und Nikotin werden trotz ihrer fatalen Auswirkungen und den einschlägigen Untersuchungen zu beiden Substanzen akzeptiert. Mehr noch, wir streiten darüber, ob Rauchen in Lokalen verboten werden soll oder nicht, und zeigen uns mit dieser Einstellung im EU-Vergleich als unglaublich rückschrittlich. Dabei ist Nikotin laut Studien zur Volksgesundheit die gefährlichste Droge.

 

Bild shutterstock_1167301555.jpg
(Foto: Shutterstock)

Haben die Tiroler Gebietskrankenkasse und der Verein Suchthilfe BIN, für den Sie arbeiten, deswegen das „Rauchfrei-Programm“ ins Leben gerufen?
Mitunter, ja. Den Verein Suchthilfe BIN gibt es bereits seit 23 Jahren. Anfangs konzentrierten wir uns in unserer Arbeit auf Alkoholmissbrauch und versorgten Abhängige auf einer ambulanten Station im Krankenhaus. Dann haben wir aber gemerkt, dass 90 Prozent der Patienten rückfällig werden, wenn sie nicht über einen längeren Zeitraum kontinuierlich betreut werden. Durch die Einführung von Nachsorgegruppen konnten wir unsere Erfolgsquote von zehn auf circa 70 Prozent steigern. Wir versuchten, eine ganzheitliche Anlauf- und Betreuungsstelle zu schaffen. Man muss dazusagen, dass das ohne die finanzielle Unterstützung des Landes Tirol niemals möglich gewesen wäre. Erst dann haben wir uns in enger Zusammenarbeit mit der Tiroler Gebietskrankenkasse dem Rauchproblem gewidmet. Auch deswegen, weil das Thema mit jedem Jahr prägnanter wurde und immer mehr wissenschaftliches Interesse erfahren hat. Man weiß heute, dass Nikotinabhängige mit ihrer Sucht oftmals einen Teil ihrer psychischen Stabilität sichern. Allein aus diesem Grund ist es wichtig, dass es das Angebot einer begleiteten Rauchentwöhnung gibt.

Wer einmal süchtig ist, ist immer süchtig. Würden Sie diesen Satz unterschreiben? 
In der Psychiatrie stellen wir Diagnosen nicht nach einem kategorialen, sondern nach einem dimensionalen System. Das heißt, wir unterscheiden nicht nur zwischen Ja und Nein, süchtig und nicht süchtig, sondern betrachten den Krankheitszustand unserer Patienten auf vielfältigere Weise. Prinzipiell lässt sich aber sagen, dass die Gefahr, in eine ungesunde Abhängigkeit zurückzufallen, auch nach 20 Jahren Abstinenz gegeben ist.

 

Bild IMG_9766.JPG
(Foto: TIROLERIN)

Kann Sucht auch genetisch bedingt sein?
Genetik und die Tendenz zur Abhängigkeit stehen auf jeden Fall miteinander in Verbindung. Zwillingsstudien haben bewiesen, dass Kinder aus alkoholabhängigen Familien in ihrem späteren Erwachsenenleben eher zum Missbrauch neigen, auch wenn sie ihrem ursprünglichen Umfeld entzogen und ohne die Präsenz von Alkohol großgezogen wurden. Leider bringt es absolut nichts zu wissen, dass man genetisch gesehen einer größeren Suchtgefahr ausgesetzt ist. Mehr noch – dieses Argument wird von vielen Abhängigen als Ausrede verwendet, um ihren Lebensstil zu legitimieren. Am Ende können wir unseren genetischen Fingerabdruck nicht verändern. Wohl aber können wir an unserem Verhalten arbeiten. Das zu verstehen scheint mir viel wichtiger.

Was ist der erste Schritt aus der Sucht?
Der erste Schritt ist Einsicht. Ein Abhängiger erkennt seine eigene Sucht in der Regel nicht oder er gibt sie nicht zu. Der Mensch neigt dazu, sich die Realität schönzureden. Viele Süchtige gestehen sich tatsächlich bis zur ärztlichen Diagnose nicht ein, dass sie ein Problem haben. Das ist durchaus verständlich, wenn man beachtet, dass Abhängigkeit in unserer Gesellschaft als Stigma gilt. Niemand möchte dieses Label.

Welche konkreten Maßnahmen können Angehörige von Abhängigen treffen, um die Betroffenen zu unterstützen? 
Angehörige müssen lernen, Abhängigen trotz allem mit Wertschätzung und Verständnis zu begegnen. Kontrolle und eine negative Reaktion auf die Routine der Betroffenen provoziert einen Abwehrmechanismus und fördert damit die Sucht. Stattdessen sollte man auf der Gefühlsebene agieren – der eigenen Sorge um die abhängige Person darf dabei ruhig Ausdruck verliehen werden. Unsere Gesellschaft muss begreifen, dass Sucht keine Wesensschwäche, sondern eine Krankheit ist. Taucht bei einem Krebspatienten ein Rezidiv auf, würden wir niemals verurteilend reagieren. Genauso wenig kann man Süchtige missbilligen, wenn sie einen Rückfall erleiden. Abhängigkeit muss in unserer Gesellschaft neu verstanden werden. Ist ein offenerer Umgang mit dem Thema erst einmal möglich, wird es auch für Betroffene leichter, Hilfe für ihr Problem in Anspruch zu nehmen.