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Lifestyle | 22.11.2019

Atacama – Auf halbem Weg zum Mond

Dem Himmel so nah, der Erde (scheinbar) so fern – die Atacama- Wüste fasziniert nicht nur Astrophysiker.

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Felsformation im „Valle de la Luna“: Am Horizont ragt der Vulkan Licancabur in den Himmel. (© Werner Thiele)

Skurrile Steinformationen, menschenleere Weite und ein Logenplatz zum Sternenhimmel. Was wie die Reiseprospektbeschreibung eines zukünftigen Hotels auf dem Mond klingt, gibt es bereits jetzt schon auf Erden. Wandern Sie mit dem Zeigefinger diagonal über den Atlantik in Richtung Südamerika, schnurstracks über den Äquator und bremsen Sie über den Anden in Nordchile. Hier befindet sich eine der trockensten, sternenklarsten und extremsten Regionen der Welt: die Atacama-Wüste.

 

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(© Werner Thiele)

Welt der Extreme. Wer in die Atacama möchte, der muss zuerst einmal nach San Pedro de Atacama, einem kleinen chilenischen Ort auf etwa 2.450 Meter Seehöhe. Knapp 2.000 Einwohner stoßen hier auf bis zu 50.000 Wüstentouristen jährlich. Während man über die Lehmstraßen zwischen den niedrigen Häusern schlendert, fragt man sich, was wohl die ersten Bewohner vor geschätzten 11.000 Jahren bewogen haben mag, sich hier anzusiedeln. Viel Abenteuergeist muss da im Spiel gewesen sein, eine Vorliebe für vegetationsarmes Terrain, heiße Tage und bitterkalte Nächte und eine große Sehnsucht nach einem überwältigenden nächtlichen Sternenhimmel. Dafür nimmt man einiges in Kauf – und so auch der Reisende auf den Spuren der ersten Siedler. Für den Europäer bedeutet das erst mal einen langen Transatlantikflug mit Ankunft in Santiago de Chile, der Hauptstadt Chiles. Besonders Abenteuerhungrige nehmen dann den Bus und lassen sich damit auf eine gut 24-stündige Fahrt ein. Wesentlich schneller und angenehmer geht es mit einem Inlandsflug nach Calama, etwa 100 Kilometer nordwestlich von San Pedro und dann weiter mit Shuttle, Bus oder Mietwagen in die kleine Ortschaft, die dann als Stützpunkt für Ausflüge zu den „Hot-spots“ der Atacama-Wüste dient.

 

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(© Werner Thiele)

Filmreife Kulisse. Wer sich unter dem Begriff „Wüste“ bisher nur eine sandige Dünenlandschaft vorstellen konnte, wird bei den Tagesausflügen eines Besseren belehrt. Die Atacama fasziniert mit heißen Quellen und Salzseen wie dem berühmten „Salar de Atacama“, mit Flamingos und Alpakas. Die Gesteinsformationen erinnern teilweise an den amerikanischen Nationalpark „Bryce Canyon“, dann wieder an jordanische Felsenstätten, und ja, es gibt auch eine mächtige Sanddüne. Diese findet man im „Valle de la Luna“, dem „Tal des Mondes“ – einem besonderen optischen Leckerbissen, zumindest für Astrophysik-Liebhaber, Science-Fiction-Freaks, Wüsten-Fans oder all jene, die die öden Weiten so manches Edelwesterns von je her fasziniert haben. Der Name „Mondlandschaft“ macht hier definitiv Sinn, auch wenn die rötliche Farbe eher Mars-Assoziationen hervorruft. Die Fotografen tummeln sich zum Sonnenuntergang auf der „Duna Mayor“, einer riesigen Sanddüne, die das Abendlicht in spektakuläre Farben taucht. Am Horizont ragt der mächtige Licancabur, ein fast 6.000 Meter hoher aktiver Vulkan, in den tiefblauen Himmel. Der Dünensand leuchtet tieforange, und wenn man ein paar Mal blinzelt, um die Sandkörner in den brennenden Augen loszuwerden, glaubt man fast, man sähe Matt Damon alias „Der Marsianer“ auf sich zu stapfen. Doch nein, Ridley Scotts Science-Fiction-Film wurde im jordanischen Wadi Rum gedreht. Schade eigentlich.

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Die NASA testet ihre Mars-Rover in der chilenischen Atacama – marsähnlicher geht’s auf der Erde nicht. (© Werner Thiele)

Sternentor. Kein geringerer Filmstar als Daniel Craig alias James Bond hat es jedoch in James Bond – Quantum of Solace ganz in die Nähe geschafft. Nämlich in das ESO-Hotel am Cerro Paranal. Und hier kommen auch die Astrophysiker ins Spiel. „ESO“ steht für „Europäische Südsternwarte“. Diese Forschungseinrichtung für Astrophysiker hat ihre Zelte in den Andenhöhen der Atacama-Wüste aufgeschlagen. Die hier arbeitenden Forscher haben ihre „residencia“ im Hotel, dessen Fassade und Räumlichkeiten als eindrucksvolle Showdown-Kulisse für den 22. Bond-Film dienten. Warum? Warum tut es nicht auch ein Teleskop am Patscherkofel oder auf der Nordkette? Warum tummeln sich die begabtesten Astrophysiker Europas bevorzugt in der dünnen Höhenluft Südamerikas? Die Atacama-Wüste gilt als eine der trockensten Regionen der Welt. Der Mangel an Niederschlag und die daraus resultierende staubtrockene Luft liefern gemeinsam mit der Seehöhe und dem fehlenden nächtlichen Streulicht durch städtische Beleuchtung ideale Bedingungen für die erdgebundene Erforschung des Weltalls.

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(© Werner Thiele)

Auf über 5.000 Höhenmetern befindet sich auf der Hochebene Chaj­nantor das Atacama Large Millimeter Array, kurz „ALMA“ genannt. 66 Präzisionsantennen, die sich teilweise bis zu 16 Kilometer voneinander entfernt positionieren lassen, bilden sozusagen ein riesiges Zoom-Teleskop, mit dessen Hilfe bestimmte Wellenlängen des elektromagnetischen Spektrums erforscht werden können. Was das bedeutet? Die europäische Version der NASA hat hier sozusagen sein Tor zu den Sternen, sein Guckloch ins Universum – einen Logenplatz zum Nachthimmel. Auch wenn man als Tourist leider keinen Zugang zu den hochgelegenen Forschungsstätten hat, so kann man sich für einen Besuch der ALMA Operations Support Facility registrieren lassen – doch Vorsicht: Die Plätze sind streng limitiert, eine vorherige Registrierung ist notwendig, und die Tickets sind nicht übertragbar. Selbst wenn Sie sich gegen einen Besuch der Forschungseinrichtungen entscheiden, auf astrophysikalisches Know-how gut verzichten können und „nur“ auf der „Duna Mayor“ ein paar Fotos schießen, ein Gruppe Alpakas auf dem kargen Untergrund bei der Nahrungssuche beobachten und die Mondlandschaft genießen wollen – den Sternen waren Sie trotzdem nie näher.