Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 05.01.2020

Auf Stevensons Spuren

Der schottische Schriftsteller Robert Louis Stevenson wanderte einst durch Süd-West-Frankreich. Sein Erlebnisbericht „Reise mit einem Esel durch die Cevennen“ eröffnete ein neues journalistisches Genre.

Bild IMG_4426.jpeg
Menhire markieren den Stevenson-Trail über die Hochebenen. (Foto: Martin Duscheck)

Du musst sie immer spüren lassen, dass du der Chef bist. Und wenn sie nicht mehr weiterwill, klopf ihr auf den Hintern!“ Die Rede hier ist keine Anleitung für den SM-Club, sondern der gutgemeinte Rat für eine gemeinsame Wanderung mit „Lauze“, einer Eseldame in den besten Jahren. Lauze (sprich „Los“) heißen die grauen Schieferplatten, mit denen die alten Häuser in der südwestfranzösischen Region Cevennen gedeckt werden. Eselin Lauze teilt mit diesen die Farbe und so auch den Namen. Unser Ausgangspunkt liegt über der 900-Seelen-Gemeinde Ispagnac mitten im Zentrum der Caussee de Sauveterre, einer typischen Kalkhochebene im französischen Zentralmassiv. Der Bauer vom Gehöft „Le Vigos“ hat sich darauf spezialisiert, die Paarhufer an Touristen zu vermieten, die es dem schottischen Autor Robert Louis Stevenson nachmachen und zumindest ein kleines Stück in tierischer Begleitung durch Frankreichs einsamste Gegend wandern wollen.

 

Bild IMG_3645.jpeg
(Foto: Martin Duscheck)

Wandern gegen Liebeskummer. Jahre bevor seine berühmten Werke „Die Schatzinsel“ und „Dr. Jekyll und Mister Hyde“ entstanden, wanderte Stevenson hier, um seinen Liebeskummer zu vergessen. Obwohl seine Schilderung der Cevennen, ihrer Bewohner und der Erfahrung mit seiner Eselin Modestine eher einer Handke’schen Beschimpfung gleichen, begründete sein Büchlein nicht nur seinen Erfolg als Autor, sondern das Genre des Reisejournalismus an sich. Und ohne Stevenson wären die Cevennen wohl ganz aus dem Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Als Region sind sie nur unscharf definiert bis auf das Kerngebiet, das seit 1970 als Nationalpark ausgewiesen und seit 2011 als UNESCO-Welterbe anerkannt wurde. Es entspricht mit ca. 3.200 Quadratkilometern ungefähr einem Viertel der Fläche Tirols.

 

Bild IMG_4415.jpeg
(Foto: Martin Duscheck)

Die Cevennen, etwa 200 Kilometer nordwestlich der Hafenstadt Marseille, waren jedenfalls seit jeher der einsamste Landstrich Frankreichs. Die Böden aus Granit, Kalk und Schiefer sind nährstoffarm und eignen sich weder groß für Ackerbau noch für extensive Viehzucht. Die heidebewachsenen Hochflächen reichen bis zum höchsten Punkt, dem Mont Lozère auf 1.699 Metern. Niedere Kiefernwälder fallen zu tiefen Schluchten hinab, die in vielen Jahrtausenden von den Flüssen Cèze, Gardon und Chassezak sowie Lot, Tarn, Dourbie und Jonte gegraben wurden. Erstere münden ins Mittelmeer, die anderen in den Atlantik. An ihren Wasserläufen finden sich zahlreiche mittelalterliche Dörfer mit typischen aus Granit gemauerten Häuschen.

 

Bild IMG_4370.jpeg
Ein Wohnhaus in Le Mas Soubeyran – Gemeinde Mialet (Foto: Martin Duscheck)

Seidenraupen und Kastanienbäume. Vom 19. Jahrhundert an erlebten die Cevennen eine kleine ökonomische Blüte. Die Landwirtschaft setzte auf den Anbau von Speisekastanien und praktisch alle Familien züchteten auf den Dachböden Seidenraupen, um den begehrten Rohstoff für die großen Spinnereien im nahen Lyon mit seiner Textilindustrie zu liefern. Doch beide Produkte verloren an Bedeutung und die einsetzende Landflucht dünnte die ohnehin schwach besiedelte Region noch weiter aus. Doch jedes Pendel schwingt auch in die andere Richtung. Zunächst waren es 68er-Aussteiger, welche die Region nördlich von Montpellier für sich entdeckten. Die vielen leerstehenden Gehöfte boten ideale Voraussetzungen für alternative Lebensweisen.

 

Bild IMG_4514.jpg
(Foto: Martin Duscheck)

Für eine 80 Quadratmeter Eigentumswohnung in Paris kann man heute noch einen alten Bauernhof mit gut 20 Hektar Grund erwerben. Diesen Schritt vollzogen auch Elisabeth und Philippe. Gemeinsam renovierten sie eine Kastanien- und Seidenfarm in Saint-Frézal-de-Ventalon. Mit ihnen wuchs die Einwohnerzahl der Gemeinde von 159 auf 161. Heute vermieten sie mehrere Ferienappartements und betreiben eine ökologische Landwirtschaft, die den Eigenbedarf und jenen ihrer Gäste weitgehend deckt. Abenteuerlustige können abseits etwas höher gelegen in einem Pavillon ohne Strom und Fließwasser, dafür mit ungetrübtem Blick über den nächtlichen Sternenhimmel schlafen.

 

Bild IMG_5777.jpeg
TIROLERIN-Reisereporter Martin Duschek mit Eselin Lauze (Foto: Martin Duscheck)

In der Nähe beim Relais de l’Espinas entstand eine Genossenschaft, deren Ziel in der Wiederbelebung des Kastanienanbaus besteht. Ihr Obmann erzählt, dass heute fast 70 Prozent des weltweiten Kastanienbedarfs von China gedeckt werden. Ein bisschen wie das bekannte „gallische Dorf“ wehren er und seine Genossenschaftsmitglieder sich gegen die wirtschaftliche Übermacht und setzen auf Ökologie und Nachhaltigkeit. Der zunehmende Erfolg ihrer naturechten Produkte gibt ihnen Recht. Dazu kommt, dass in der Genossenschaft das alte Wissen um die Veredelung der Esskastanie bewahrt und an junge Agrarier weitergegeben wird.

 

Bild IMG_4551.jpeg
(Foto: Martin Duscheck)

Im Département Gard nahe der Ortschaft Anduze siedelten sich mit Sylvain und seiner Familie schon in den 1990ern wahre Ökopioniere an. Sie eröffneten am Ufer des Mialet-Flusses einen der ersten Hochseilklettergärten Frankreichs. Die Besucher wählen hier nicht nur unter zehn verschieden schweren Routen zwischen den Wipfeln des Auwaldes, sondern werden auch nach Strich und Faden verwöhnt. Für 23 Euro erhält der Gast einen kompletten Picknickkorb mit Baguettes, wunderschönen Salaten, Ziegenkäsen, Bio-Fleischaufstrichen und Limonaden. Jede Form von Plastik wird hier ebenso strikt vermieden wie industriell gefertigte Massenprodukte. Auf einer Bank am Ufer des naturbelassenen Mialets rundet das selbstgemachte Cassis-Parfait einen perfekten Tag jenseits jeder Hektik ab.

 

Bild IMG_4400.jpeg
(Foto: Martin Duscheck)

Geheimtipp für Ökourlaub. Mit diesen und vielen anderen Öko-Pionieren entwickelten sich die Cevennen zu einem überaus beliebten Urlaubsgebiet vor allem für Franzosen, aber auch Belgier, Holländer und Engländer. Die weite, einsame Natur am Übergang vom mediterranen zum alpinen Klima, die köstliche natürliche Küche, reine Flüsse mit tiefen Gumpen zum Baden, gemütlich ursprüngliche Ortschaften und das Erlebnis des 220 Kilometer langen Stevenson-Trails, markiert als GR70, – das alles bewahrt den „Parc national des Cévennes“ vor dem Vergessen und verwandelt ihn in eine aufstrebende Tourismusregion – noch ein wenig mit dem Hauch eines Geheimtipps.

Bild IMG_4262.jpeg
Ein Briefkasten am Straßenrand (Foto: Martin Duscheck)

In der Zwischenzeit haben wir mit Lauze die Hochebene „Causse de Sauveterre“ erreicht. Endlos erstreckt sich die Landschaft bis zum Horizont und das hohe Gras wiegt sanft im Wind. Ende September klettert das Thermometer hier noch nahe an die 30 Grad heran. Unser Schritt hat sich längst dem gemächlichen Trott der Eselin angepasst. Eine auf unserer kopierten und handgezeichneten Beschreibung nicht vermerkte Wegkreuzung lässt uns stehenbleiben und rätseln. Doch Lauze senkt den Kopf und drückt uns sanft in die – wie sich herausstellen wird – richtige Richtung. Esel sind weder störrisch noch dumm, lernen wir an diesem Tag auf Stevensons Spuren. Es war wohl eher der gute Robert der Dumme, der weder Verständnis für seine Wegbegleiterin noch für die unbändige Schönheit der Cevennen aufbringen konnte.