Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 06.09.2019

Die Kraft des Humors

Wir haben uns mit dem Humorbotschafter Werner Gruber, den Clowns Cosimo, Pünktchen und Pippa sowie mit Dr. Manfred Stelzig, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, getroffen und uns über die Kraft des Humors unterhalten.

Bild IMG_8748.jpg
(c) KOLILIBRI/Bina Winkler

An einem sommerlichen Vormittag fahren wir zu einem eher ungewöhnlichen Ort, um uns mit dem Thema Humor und Lebensfreude auseinanderzusetzen. Werner Gruber ist Humorbotschafter und hat uns eingeladen, ihn an seinem Arbeitsplatz zu besuchen: dem Raphael-Hospiz in Salzburg. Er begrüßt uns mit einem herzlichen Händedruck und mit Vorfreude auf das Gespräch. „Wissen Sie, ich bin ein humorvoller Mensch und bezeichne mich deshalb als Humorbotschafter, weil ich jemand bin, der andere mit guter Laune anstecken möchte“, erzählt er uns mit einem Lächeln im Gesicht. Schon seit etwa 18 Jahren arbeitet der ausgebildete Spiel- und Theaterpädagoge im Hospiz im Leitungsteam und ist neben der Öffentlichkeitsarbeit und der Koordination von ehrenamtlichen Mitarbeitern auch für die psychosoziale Unterstützung von Patienten und deren Angehörigen zuständig.

Humor als Kraftquelle. „Ursprünglich wollte ich eigentlich nie in einem Hospiz arbeiten, weil ich dachte, dass ein lebensfroher Mensch wie ich in einer Einrichtung, in der Menschen sterben, nicht hineinpasst“, verrät uns Werner Gruber. Durch seinen besten Freund, der das Hospiz aufgebaut hat, ließ er sich dennoch überreden, mitzuarbeiten. Werner Gruber ist aber nach all den Jahren überzeugt, dass er immer noch ein lebensfroher Mensch sei, sogar noch viel mehr, als er es damals war. „Hier im Hospiz habe ich erfahren dürfen, was Humor alles kann. Mit Humor kann man eine Distanz zu einem Problem herstellen, einen kleinen Ausstieg aus dem Alltäglichen bieten. Das erleichtert vieles“, ist er überzeugt. Aber auch im Team untereinander stellt er fest: Wo viel gelacht wird, arbeitet man motivierter, geht gerne zur Arbeit und gibt es eine gute Fehlerkultur. Humor ist seiner Meinung nach für die eigene Psychohygiene wichtig und eine enorme Kraftquelle. „Ich kann mir keine Einrichtung vorstellen, bei der Tragik und Komödie so nahe beieinanderliegen wie im Hospiz“, sagt der Humorbotschafter. „Zu den traurigsten Situationen und Momenten benötigt es unbedingt einen Gegenpol. Humor kann ein Ventil und eine Kraftquelle in der Trauer sein, um Unerträgliches aushalten zu können.“

 

Bild Herr Gruber-3253.jpg
(c) Thomas Kirchmaier

Leichtigkeit schaffen. Dabei heißt Humor nicht zwingend, dass man ständig gute Laune haben muss. Mit Humor legt man aber den Grundstein für die Auflockerung einer manchmal schwierigen Situation. „Wenn ich Patienten auf feinfühlige, humorvolle Weise begegne, ist sofort ein Vertrauensverhältnis da. Humor setzt Hierarchien außer Kraft“, sagt Werner Gruber. „Ein Patient, der von mir abhängig ist, hat oft sehr viel Angst. Mit einer wohlwollenden Art und einer Prise Humor sind wir auf gleicher Ebene. Das erleichtert die Kommunikation, die Menschen schließen einen ins Vertrauen, können sich entspannen und erzählen offen über ihre Ängste und Sorgen.“ Werner Gruber hat auch ein Humortagebuch im Raphael-Hospiz eingeführt, in dem bewusst der Fokus auf die positiven, heiteren Dinge gelegt wird und von den Mitarbeitern jene Erlebnisse eingetragen werden, die im Laufe des Hospizalltags vorkommen. So ist auch ein Gespräch zwischen einer Ärztin und einem fünfjährigen Mädchen notiert, bei dem sich die Ärztin worteringend bemüht, dem Mädchen zu erklären, dass ihre Oma im Sterben liegt. Darauf antwortet das Kind unbefangen: „Aber das macht nichts, wir haben doch schon so viele Fotos von der Oma!“ In dem Moment ist zumindest für eine kurze Zeit eine unglaubliche Schwere aufgehoben und eine erfrischende Leichtigkeit kommt in die Situation. „Und genau um diese Leichtigkeit geht es“, betont Werner Gruber.

Humor und Sterben. Passt das zusammen? „Hier im Hospiz habe ich gelernt, wie schön das Leben ist“, erzählt uns der Humorbotschafter. „Und man sollte sich bewusst sein, dass alles ganz schnell anders kommen kann.“ Für den Hospizmitarbeiter ist klar: Humor ist eine Lebenseinstellung. Für ihn gehört zu Humor Dankbarkeit sowie Dinge annehmen zu können, die einem das Leben zuwirft. Aber auch Mut. Mut, aus der eigenen Komfortzone zu treten und über sich selbst lachen zu können. Dabei erwähnt Werner Gruber den inneren Vogel, den jeder in sich hat. Das ist der Teil in uns, der genau weiß, warum wir überhaupt hier sind: um das Leben zu lieben, zu lachen, zu tanzen und um glücklich zu sein. „Meine These ist, dass nicht die Hoffnung zuletzt stirbt, sondern der Humor“, sagt Werner Gruber. „Lachen und Leichtigkeit, wenn es um das Sterben geht, sind tausendmal besser als Trübsal zu blasen.“ Oder wie es eine Bewohnerin im Hospiz einmal formuliert hat, die mit ihrem Leben und ihrer unheilbaren Krankheit Frieden geschlossen hatte: „Wenn ich einmal sterben muss, dann mit Vergnügen!“

 

Bild Herr Gruber-3285.jpg
(c) Thomas Kirchmaier

Clownerie - ein Stück Lebenskunst. Unser nächster Weg führt uns zu den Kolilibri-Clowns, ein Team bestehend aus Peter Gruber (Clown Cosimo), Andrea Öllerer (Clown Pünktchen) und Birgit Berger (Clown Pippa). Sie bieten regelmäßig ihre Clownvisite in Seniorenwohnhäusern, Rehabilitationseinrichtungen und auch in Schulen und Kindergärten an. „Bei der Clownerie passiert sehr viel auf der emotionalen Ebene“, erzählt uns Birgit Berger. Als Clowns arbeiten sie in Seniorenheimen, deren Bewohner häufig eine Demenzerkrankung haben. „Wir gehen zu den Menschen in das Zimmer und nehmen Emotionen auf“, erzählt sie weiter. Dabei geht es bei den Kolilibri-Clowns ganz bewusst um das Im-Hier-und-Jetzt-Sein. Es gibt kein vorgefertigtes Konzept oder Programm, und es wird das gemacht, was es in der Situation eben gerade braucht. Empathie, Gefühle, Intuition – das sind die Eckpfeiler ihrer Clownvisiten.

Unkonventioneller Herzöffner. Durch die emotionale Begegnung öffnen sich bei den Menschen oft Schleusen, sie erzählen Dinge über ihr Leben, von denen nicht einmal das Betreuungspersonal etwas weiß. „Man kann es oft nicht in Worte fassen, welche Gefühle hier mitschwingen. Es entsteht eine tiefe Ebene“, erzählt Andrea Öllerer. Dabei gehen die Clowns sehr behutsam vor und achten auf die persönlichen Grenzen eines jeden Menschen, dem sie begegnen. Das ist aber auch, was die sensible und poetische Figur eines Clowns ausmacht: Er bemüht sich, Farbe in die Welt zu bringen und dem Menschen etwas die Schwere zu nehmen. „Wir kommen nicht, um uns über jemanden lustig zu machen oder mit dem Finger auf ihn zu zeigen“, sagt Peter Gruber und ergänzt: „Wir wollen einfach nur da sein und die Menschen berühren. Ob wir gemeinsam lachen, schweigen, spielen oder weinen, das hängt ganz von der jeweiligen Situation ab.“Birgit Berger erzählt von einer älteren Dame im Seniorenheim, die ganz alleine an ihrem Tisch sitzt – wortlos und in sich versunken. Um einen Kontakt mit ihr herzustellen, stupst sie als Clown Pippa einen kleinen Ball sanft auf die Bewohnerin zu, den diese aber sofort abwehrt. Als Pippa dann eine Seifenblase zur älteren Dame hinbläst und an ihrem Arm vorbeistreifen lässt, passiert etwas Magisches: Die Dame richtet sich auf, strahlt Pippa an und flüstert ihr zu: „Das kenne ich!“ Danach kehrt sie wieder in ihre versunkene Haltung zurück. „Solche Momente, so ein Strahlen, das gibt einem sehr viel zurück“, sagt Birgit Berger sichtlich gerührt. „Gewisse Situationen kann man nicht planen, sie entstehen intuitiv.“Was für manche widersprüchlich klingen mag: Oft fühlen sich die Bewohner gerade von den Clowns ernst genommen und verstanden. „Viele haben Anforderungen an ältere Menschen – dass sie etwa ihre Medikamente nehmen, sich waschen lassen und essen sollen. Wir als Clowns wollen nichts von ihnen. Wir sind einfach nur da für sie“, erzählt Andrea Öllerer.

Was wir von Kindern lernen können. Man sagt, Kinder lachen am Tag 400 Mal, Erwachsene nur 20 Mal. „Im Gegensatz zu Erwachsenen haben Kinder einen ganz anderen Zugang zu Humor. Sie finden viel schneller hinein und leben mit“, erklärt uns Peter Gruber. „Kinder können wunderbar im Moment leben, sich in ein Spiel oder eine Sache vertiefen. Sie haben noch diesen unbeschwerten ‚Flow-Zustand‘, den man als Erwachsener oft nicht mehr zulässt. Wir werten viel zu viel und schränken uns ein: Sind wir gut genug? Ist das passend? Schaut das gut aus? Uns Erwachsenen fehlt die Leichtigkeit des Seins, das müssen wir oft mühsam wieder erlernen.“

Bild IMG_8587.jpg
(c) Kolilibri/Bina Winkler

Don’t worry, be funny! Die Kolilibri-Clowns sind sich einig: Jeder Mensch hat einen Clown in sich! „Man muss nur etwas nachforschen und suchen“, ist Andrea Öllerer überzeugt. „Der innere Clown ist bei uns Erwachsenen manchmal nur sehr gut versteckt – er eckt ja auch oft an in der Gesellschaft und überrascht, wenn er zum Vorschein kommt“, fügt Birgit Berger hinzu. Um den Clown in sich zu finden, braucht man ein Gegenüber, Interaktion mit anderen Menschen. „Es ist ein lebenslanger Prozess“, sagt Peter Gruber. Für ein humorvolles Leben sind für die drei Clowns folgende Dinge wichtig: über sich selbst lachen zu können und die Augen offen zu halten für die humorvollen Dinge im Leben, nicht im Vergangenen haften zu bleiben und sich nicht dauernd über das Gleiche zu ärgern, sondern zu versuchen, die Dinge anders zu sehen, die Perspektive zu wechseln und es eben wie die Clowns zu machen: im Moment leben.

Bild 1 (4 von 4).jpg
(c) Thomas Kirchmaier

Verschiedene Rollen. Der bekannte Bestsellerautor und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin Dr. Manfred Stelzig bezieht sich im Hinblick auf Humor auf die verschiedenen Rollen von Gefühlszuständen: „Im Psychodrama heißt es, der Mensch ist der Gesündeste, der die meisten Rollen in sich vereinen kann“, zitiert er. Das bedeutet, dass man natürlich der Situation entsprechend traurige oder ernste Gefühle durchleben soll, aber zudem die Fähigkeit haben soll, in Rollen wie Lebensfreude, Ausgelassenheit und Unbeschwertheit wechseln zu können. „Dazu gehört eben auch der Humor“, ergänzt Dr. Stelzig. Humor ist für den Fachmediziner eine Form von Leichtigkeit. Begegnungsbereit zu sein, miteinander Freude zu haben, lachen zu können, Spaß zu haben und spielen zu können. „Es kann hilfreich sein, sich folgende Frage zu stellen: ‚Was macht mein Leben lebenswert?‘“, so Stelzig. „Wir müssen lernen, den Fokus im Leben darauf zu legen, was uns glücklich stimmt, was unser Leben bunt und schön macht. Insofern ist Humor ein Gegensteuern zu Rollen, die in uns Stress verursachen.“ In der Opferrolle zu sein, heißt leiden, jammern oder sich als benachteiligt zu fühlen. Humor ist dabei eine feine Möglichkeit, frei und flexibel agieren zu können und nicht zwanghaft in einer Rolle stecken zu bleiben.

Gesunder Humor. Humor wirkt sich nachweislich positiv auf den Körper aus, denn Neurotransmitter wie Serotonin und Endorphine werden ausgeschüttet, die eine Unbeschwertheit auslösen und auch gegen Schmerz­empfinden wirken. Für die kurze Zeit des Lachens ist der Körper in einem positiven Stresszustand. Bis zu 300 verschiedene Muskeln spannen sich an, das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt und Sauerstoff wird über die Atmung in die Lungen gepumpt. Nach dem Lachen fällt der Blutdruck langsam wieder ab und Stresshormone werden abgebaut. „Bei Humor wird man kräftig durchgeschüttelt, und es wird auf positivste Art und Weise die Muskulatur gelockert, man wird entspannter. Das Immunsystem wird gestärkt“, erklärt Dr. Stelzig. Grund genug also, auch im Ernst des alltäglichen Lebens sich an das Lachen zu erinnern und sich Momente des Lachens zu suchen und zu schaffen. Außerdem: Menschen, die viel lachen, erleben sich selbst als stark und kompetent und fürchten sich weniger vor sozialen Konflikten.

Wer lachen kann, hat mehr vom Leben. Was bescheren mir Lebensfreude, Humor und Leichtigkeit? „Wenn ich eine positive Einstellung zu mir habe und mit mir selber gut umgehe, hat man diese Leichtigkeit, die es wiederum einfacher macht, humorvoller im Leben zu sein und die schönen Seiten im Leben genießen zu können“, ist Dr. Manfred Stelzig überzeugt. Nach diesen Gesprächen wird klar, dass man ein humorvolles und genussvolles Leben eigentlich recht einfach erreichen kann. Man muss es nur probieren, jeden Tag aufs Neue: Das, was uns guttut, bewusst öfter machen, im Moment sein, Dinge, die wir für wahr halten, auch von einer anderen Perspektive betrachten und nicht zuletzt unseren inneren wilden Vogel fliegen lassen, damit er sich zeigen kann – in all seinen bunten Farben. Der große deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe bringt es auf den Punkt: „Iss dein Brot mit Freude, genieße den Wein. Trage schöne Kleider und sei fröhlich mit den Menschen, die du magst. Denn die Tage sind flüchtig auf dieser Erde.“