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Lifestyle | 02.07.2018

Ein Abbild unseres Jetzt

Seit Oktober 2016 leitet die Schweizerin Bettina Hering als erste Frau das Schauspiel bei den Salzburger Festspielen. Mit look! Salzburg sprach sie über das diesjährige Programm und gewährt Einblicke in ihr Privatleben.

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Bettina Hering, geboren in Zürich, studierte Germanistik, Philosophie und Anthropologische Psychologie. Seit 1991 in Wien ansässig, ist sie als Regisseurin und Dramaturgin für das Festival „Literatur im Nebel“ im nördlichen Waldviertel tätig, in dem sie neben der kuratorischen Arbeit Gastgeberin für Literatur-Nobelpreisträger ist. Von 2012 bis 2016 war Bettina Hering die höchst erfolgreiche künstlerische Leiterin des Landestheaters Niederösterreich; seit Oktober 2016 leitet sie als erste Frau das Schauspiel bei den Salzburger Festspielen.

look! Salzburg: Frau Hering, Sie sind geborene Schweizerin, arbeiteten an wesentlichen Bühnen in Deutschland, lebten in Wien und nun in Salzburg, wo Sie als erste Frau Leiterin des Schauspiels der Salzburger Festspiele sind. Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten haben Sie in diesen deutschsprachigen Kulturkreisen erfahren?
Bettina Hering: Die Welt hat sich in den letzten 35 Jahren, seit denen ich am Theater arbeite und in verschiedenen deutschsprachigen Ländern lebe, fast schon grundsätzlich verändert. So sind die Differenzen zwischen den Kulturkreisen, wie ich sie damals empfunden habe, nicht mehr dieselben Differenzen wie heute. Globalisierung, Digitalisierung, drängende politische, ethische und soziale Fragen haben 
sowohl unsere Gesellschaft als auch den Blick auf Kultur massiv verändert und kulturelle Stereotypen grundsätzlich infrage gestellt. Dementsprechend hat sich auch meine Wahrnehmung verändert.

Max Reinhardt sagte einmal: „Nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Zuschauerraum müssen die Besten sein, wenn das vollkommene Wunder entstehen soll, dessen das Theater an glücklichen Abenden fähig ist.“ Welches Publikum wünschen Sie sich für Ihre Theaterabende diesen Sommer?
Ich wünsche mir ein neugieriges, kritisches, empathisches Publikum, das sich die Muße nimmt, sich auf das Bühnengeschehen einzulassen, und nicht vorschnell urteilt. Ich denke, dass dieses ideale Publikum selbst auch mit am meisten davon profitieren würde. Erzählen Sie uns über Ihre Erfahrungen in der Begegnung mit dem Schauspielpublikum in Ihrem ersten Sommer im vergangenen Jahr. So verschieden die theatralischen Zugänge im letzten Sommer waren, so unterschiedlich waren die Reaktionen darauf. Es gibt ganz offensichtlich nicht ein Schauspielpublikum – und das ist gut und spannend so. Die Stimmung insgesamt war wunderbar animiert.

Was darf das Festspielpublikum diesen Sommer erwarten? Was ist Ihr Herzensprojekt?
Es ist tatsächlich so: Es finden nur Projekte statt, von denen ich zutiefst überzeugt bin, dass sie inhaltlich und künstlerisch auf- und anregend sind. Sei es unsere „Penthesilea“ als Duett der beiden großartigen Darsteller Sandra Hüller und Jens Harzer, Frank Castorfs Inszenierung von „Hunger,“ einem der wichtigsten Romane der Jahrhundertwende, mit unter anderem der ehemaligen Buhlschaft Sophie Rois, der tragikomische Abend „Kommt ein Pferd in die Bar“ mit einem der besten Komiker, Samuel Finzi, und der wunderbaren Mavie Hörbiger, die hochpräzise chorische Arbeit des vielfach ausgezeichneten Regisseurs Ulrich Rasche mit der beeindruckenden Valery Tscheplanowa – ich denke (und hoffe), dass das alles unvergessliche Abende werden: ganz abgesehen natürlich von unserem „Jedermann“ und den hochkarätig besetzten Lesungen.

Die Spielstätten, die Sie zur Verfügung haben, sind unter anderem die Pernerinsel, das Landestheater, das republic, der Domplatz und das Kino. Was ist das Besondere an den einzelnen Aufführungsorten?
Die unterschiedlichen Spielstätten bringen von ihrer Größe, ihrer Atmosphäre und den technischen Ausstattungen her jeweils eine neue Theaterwelt mit sich. Es ist sehr schön, in diesen unterschiedlichen Formaten denken und planen zu können.

Ulrich Rasche, Frank Castorf, Johan Simons, Michael Sturminger: Jeder Regisseur hat eine ganz andere künstlerische Handschrift. Ist diese Vielfalt Programm? Wie fanden diese Regisseure zu Ihnen?
Diese unterschiedlichen Handschriften sind Programm. Schon Max Reinhardt hat sehr konträre Formen gefördert. Das macht für mich die Reichhaltigkeit eines Festivals aus, wo man in kurzer Zeit ein Wechselbad der Gefühle und eine Stimulation des Intellekts erleben kann. Diese Handschriften sind alle ein Abbild unseres Jetzt.

Die Schauspieler, die Sie dieses Jahr wieder ausgewählt haben, gehören zu den Spitzen des deutschsprachigen Theaters: Erzählen Sie uns mehr über die Darsteller. Auf wen sollen wir als Festspielpublikum unser Spotlight legen?
Ich freue mich sehr, dass wirklich fantastische Schauspieler im Sommer in Salzburg sein werden. Sie alle zu nennen, würde zu viel Platz beanspruchen, einzelne nicht zu nennen, wäre im höchsten Maße unfair. Jede Produktion hat ihr eigenes, außergewöhnlich interessantes Ensemble. Aber halten Sie Ausschau, zum Beispiel nach der Lesung „Aus der Zeit fallen“. Da können Sie auf einen Schlag Caroline Peters, Martin Schwab, Valerie Pachner, August Zirner, Oliver Stokowski, Markus Scheumann und Lukas Miko erleben.