Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 04.12.2018

Wünsch dir was!

Weihnachten naht – und mit diesem großen Fest die alljährlich wiederkehrende Frage „Was soll ich bloß schenken?“ Manfred Stelzig, Salzburger Psychotherapeut und Autor zahlreicher Bestseller, hat sich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt. look! Salzburg sprach mit ihm und holte sich Tipps für ein stressfreies und lustvolles Wünschen und Schenken.

Bild Weihnachtsmuseum (40 von 42).jpg (1)
(c)Thomas Kirchmaier

Enttäuschte Gesichter unter dem Weihnachtsbaum? Müssen nicht sein, sagt Psychotherapeut Manfred Stelzig. Wenn man es schafft, mit liebevoller Gelassenheit sich selbst und anderen gegenüber locker zu bleiben. Und dem Perfektionismus, der gerade zur Weihnachtszeit zur Höchstform aufläuft, eine klare Absage zu erteilen. Wie das gelingen kann? Wir fragten nach.

look! Salzburg: Herr Dr. Stelzig, was hat es mit dem Thema Wünschen und Schenken auf sich? Speziell zu Weihnachten?
Manfred Stelzig: Geschenke sind ein wichtiges Kommunikationsmittel. Sie sagen „Du bist mir wichtig!“, „Ich denke an dich“. Jemandem etwas zu schenken, womit er Freude hat, ist ein liebevoller Akt, der Achtsamkeit und Empathie voraussetzt. Ich muss mich in den anderen hineinfühlen, um zu wissen oder zu ahnen, womit er Freude haben wird. Dabei kommt es natürlich nicht auf die Größe der Geschenke an. Nicht der reale Wert ist ausschlaggebend dafür, ob es jemand als kostbar empfindet, sondern ein symbolischer, sozialer. Es geht nicht, wie Erich Fromm sagt, um das „Haben“, sondern viel mehr um das „Sein“. Denn in Wahrheit könnten wir uns die allermeisten Dinge, die wir geschenkt bekommen, problemlos selbst kaufen, aber das käme nicht aufs Selbe raus. Wir lieben und wünschen uns Geschenke, weil sie uns das geben, was wir nur von anderen bekommen können, was sich nicht kaufen lässt: Aufmerksamkeit, Respekt und Zuwendung.

Dürfen auch Erwachsene Wünsche äußern? Oder ist das Wünschen den Kindern vorbehalten?
Unbedingt! Was das Wünschen betrifft, sollten wir von den Kindern lernen. Überhaupt bietet Weihnachten die wunderbare Chance, das Kind in uns wachzurütteln und damit Freude, Neugierde, Leichtigkeit und Vitalität in unser Leben einzuladen. Kinder sind wahre Meister im Wünschen und haben den Kopf voller konkreter Ideen, wie sie mit ihren Geschenken die Zukunft gestalten werden. Erwachsene, die sich nichts wünschen, versinken leider oft in ihrem wunschlosen Unglück.

Woher kommt das?
Das sind Begleiterscheinungen unseres kapitalistisch geprägten Lebens, wo es oft vordergründig um Geld, Macht und Erfolg geht. Die kindlichen, lebendigen Anteile in uns bleiben dann auf der Strecke.

Manchmal ist es aber gar nicht so einfach, Wünsche zu äußern?
Sich seiner Wünsche klar zu werden, ist die Conditio sine qua non. Wenn ich nicht weiß, was ich will, kann ich nicht erwarten, dass ein anderer mir meine Wünsche erfüllt und ich das bekomme, was mich erfreut. Dafür braucht es im Vorfeld ein gewisses Maß an Selbstreflexion: „Wonach sehne ich mich? Was brauche ich? Wann und wie fühle ich mich richtig wohl?“ Ein Tipp: Am besten schreiben Sie einen Wunschzettel. Einen Brief ans Christkind. So wird sowohl das Schenken als auch das Beschenktwerden leichter.

Warum ist das Schenken für viele so belastend?
Schenken sollte nicht belastend sein, sondern – im Gegenteil – Freude machen, Leichtigkeit spenden und glanzvolle Augenblicke im grauen Alltag hinterlassen. Viele Menschen empfinden bei der Geschenkeauswahl einen gewissen Druck: Sie wollen das Richtige finden, niemanden enttäuschen. Und ja: Je näher uns die Menschen stehen, die wir beschenken wollen, umso wichtiger wird es tatsächlich, was in unseren Päckchen steckt. Umso höher ist das Risiko, andere zu enttäuschen, andererseits aber auch die Chance, jemandem eine wirklich große Freude zu bereiten. Unsere Liebsten erwarten zu Recht, dass wir ihre Gefühle verstehen, ihre feinen Andeutungen lesen, die sie uns geben. Oft ist das gar nicht so einfach. Wenn eine Beziehung mehr oder weniger kommunikationslos nebenbei läuft, wird sich auch gerade an Weihnachten daran nichts ändern. „Falsche“ Geschenke sind oft ein Indikator dafür, dass man eigentlich wenig vom anderen weiß, sich nicht mit seinen Gedanken und Gefühlen beschäftigt. Sich nicht ausreichend darüber austauscht.

Was, wenn man nun tatsächlich enttäuscht wird? Entweder als Beschenkter oder auch als Schenkender, wenn sich der andere nicht über das Geschenk freut?
Hier sehe ich die einzige Möglichkeit im ehrlichen Ansprechen. Sich zusammensetzen und sich erklären. Sagen, was einem wichtig ist. Worüber man sich vielleicht mehr gefreut hätte, warum man sich nicht gesehen fühlt. Ich sehe „falsche“ Geschenke sogar als Chance für eine wertvolle Weiterentwicklung von zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie können der Auslöser sein für klärende, tiefgründige Gespräche, können die Menschen einander wieder näherbringen. Wichtig dabei ist natürlich, dass stets lösungsorientiert kommuniziert wird, keiner sollte dabei das Gesicht verlieren. Wer sich schwertut, seine Enttäuschung oder Kränkung direkt anzusprechen, dem rate ich zum Verfassen einer kleinen schriftlichen Nachricht, zu einem Brief. Auch der Schenkende merkt, wenn er mit seinem Geschenk nicht die richtige Wahl getroffen hat. Hier gilt ebenfalls: unbedingt ansprechen! Das könnte folgendermaßen gehen: „Ich habe das Gefühl, das Geschenk ist nicht so ganz passend … Was hättest du dir denn eigentlich gewünscht?“ Das zeigt, der andere ist mir wichtig, ich interessiere mich für seine Sicht der Dinge.

Viele sagen „Wir schenken uns nichts, ist doch alles nur Geschäftemacherei“ – was halten Sie von dieser Einstellung?
Das finde ich persönlich sehr schade. Weil, wie bereits gesagt, das Schenken ein wunderbares Mittel ist, dem anderen zu zeigen, wie viel er mir bedeutet, dass er mir etwas bedeutet. Festtage wie Weihnachten bieten außerdem die wunderbare Möglichkeit, glanzvolle Höhepunkte im grauen Alltag zu setzen. Die genannte Einstellung ist sehr an den negativen Auswüchsen unseres Systems orientiert und zeugt von einer klassischen Opferhaltung. „Die anderen sind schuld.“ Dabei wird vergessen, dass wir selbst die Gestalter unseres Leben sind. Wir sind keine Opfer, wir haben es selber in der Hand. Jeder Mensch ist der Chef seines eigenen Lebens.

Sie sprechen in Ihren Büchern und Vorträgen wiederholt das Thema „Selbstliebe, Selbstfürsorge“ an. Welche Ideen, Vorschläge haben Sie, gerade in der für viele hektischen Zeit vor Weihnachten, gut für sich selbst zu sorgen, sich sozusagen selbst zu beschenken?
Sich selber beschenken, womit auch immer, erachte ich als sehr wichtig. Ob es die Blumen sind, die ich gerne am Tisch stehen habe, oder eine CD, die ich schon immer haben wollte. Sich selbst verwöhnen und sich demnach selbst zu schätzen und zu lieben, bildet die Basis für liebevolle Begegnungen mit anderen.

Wie kann es gelingen, gelassen zu bleiben – speziell im Umgang mit Erwartungen, Enttäuschungen und Idealvorstellungen rund um die Weihnachtszeit?
Um es ein wenig pathetisch auszudrücken: Weihnachten ist das Fest der Liebe. Und wenn die Liebe über allem steht, gelingt es leichter, eventuelle Minen oder Sprengknöpfe zu entschärfen. Man sieht alles gelassener und vielleicht sogar mit einem Augenzwinkern. Wenn der Braten trocken ist, der Wein verschüttet wird, die Kinder doch nicht ihre einstudierten Musikstücke zum Besten geben wollen. Wer diese kleinen Imperfektionen mit den Augen der Liebe sieht, kann schmunzelnd zur Kenntnis nehmen, was das Leben so alles zu bieten hat. Am besten gehen Sie von ihrem Perfektionismus drei Schritte zurück. Und wenn es um das Schenken, das Geschenkekaufen geht, warten Sie nicht bis „zwei Stunden vor Christbaum“ – wie Anatol, der Protagonist aus Arthur Schnitzlers gleichnamigem Theaterstück, denn dann ist Stress vorprogrammiert. Viel entspannter ist es, wenn Sie sich das ganze Jahr über mit Ihren Lieben verbunden fühlen – und wo immer Sie passende Geschenke entdecken, diese auch gleich erwerben. So wird das Geschenkesuchen und -besorgen zu einer lustvollen Tätigkeit, die über eine längere Zeit andauert. Positiver Nebeneffekt: Sie fühlen sich länger mit Ihren Lieben verbunden.

Sie sagen, Schenken macht einen selbst reicher, denn „Wer Gutes tut, tut sich selbst etwas Gutes“.
Schon in der Bibel steht „Geben ist seliger als Nehmen“. Wenn man sich um andere kümmert, ihnen Gutes zukommen lässt, werden das Glückshormon Dopamin und das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet. Ein angenehmes, wohltuendes Gefühl macht sich breit.