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People | 18.04.2020

Mehr als nur Kino im Kopf

In jedem steckt ein Träumer: Und auch diejenigen, die sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern können, haben garantiert geträumt. Jede Nacht laufen die verrücktesten Filme in unseren Köpfen – fröhlich, mystisch oder aber bedrückend und ängstigend. Wir haben die Salzburger Psychotherapeutin Maria Embacher getroffen und uns über Träume, und was sie über uns verraten, unterhalten.

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(c) Thomas Kirchmaier

Sind Träume nun der Königsweg zum Unbewussten, wie Sigmund Freud meinte, oder nur ein Neuronengewitter im Kopf, das keinen Sinn ergibt? Die Psychotherapeutin Maria Embacher beschäftigt sich seit 20 Jahren intensiv mit Träumen und hat aus verschiedenen Ausbildungen und durch jahrelange praktische Erfahrung ein tiefes Verständnis von Träumen erlangt. Die Botschaften der Träume sind in ihrer Weisheit ein Wunder, über das man ob der Begrenztheit des menschlichen Verstandes nur staunen kann. Träume zu verstehen bedeutet nicht nur, sich selber besser kennenzulernen, sie sind auch Wegweiser für sinnvolle nächste Entwicklungsschritte.

Unser look! Salzburg: Frau Maria Embacher, warum träumen wir überhaupt?
Maria Embacher: Ich gehe davon aus, dass es so etwas wie eine Seele oder eine innere Weisheit in jedem Menschen gibt. Eine dem rationalen Alltagsbewusstsein oft nicht leicht zugängliche Instanz, die unsere Entwicklung antreibt. Diese sorgt dafür, dass sich unsere Potenziale entfalten und wir freier und liebender werden können. „Werde, der du bist“, sagte der Philosoph Pindar schon 500 vor Christus. Aus dieser inneren Weisheitsquelle kommen die Träume. Letztlich träumen wir, um zu erkennen, was uns im Leben gerade beschäftigt, welche Widersprüche wir zu lösen haben und auch wie wir dies bewältigen können.

Träumen alle Menschen?
Ja, fast alle und jederzeit. Auch Babys im Mutterleib träumen bereits, und wir träumen viele Träume in jeder Nacht, solange wir leben. Aus alten Schriften wissen wir, wie hochgeachtet die Träume waren und dass es den sehr wichtigen Beruf der Traumdeuter gab. Diese haben die Träume als Botschaft der Götter für die Menschen übersetzt. Erstaunlich ist eigentlich nur, dass wir heute einen so unvertrauten und ungeübten Zugang zu Träumen haben.

Wie wichtig sind Träume?
Träume sind wichtig, wenn wir neugierig auf uns selber sind. Ich kenne keinen Spiegel, der so ehrlich uns reflektiert, wie es die Träume der Nacht tun. Sie tun es jedoch in einer Sprache, die schwer zu verstehen ist, weil wir es nicht gewohnt sind, in Bildern und Gleichnissen zu denken. Diese Sprache ist aber lernbar, und dann staunen wir, wie klug und weise, wie liebevoll auch wir durch die Träume Hinweise bekommen, wie wir ein Problem zu lösen haben, wie vielleicht der nächste Entwicklungsschritt aussieht.

Träumen Frauen anders als Männer?
Menschen träumen von Dingen, mit denen sie auch ihren Alltag verbringen. Kleiderträume sind bei Frauen häufiger als bei Männern, und Männer träumen öfters von Verfolgung. Aber ich denke, dass Kleidung eine soziale Rolle ausdrückt und Frauen da öfters auf der Suche sind und dass Männer vielleicht Angst vor Karriereeinbrüchen erleben und sie sich deswegen verfolgt fühlen. Aber jeder Traum ist individuell zu verstehen, und ein ähnlicher Traum zweier Menschen kann für jeden eine sehr unterschiedliche Bedeutung haben.

Welche Botschaften können Träume vermitteln?
Die Botschaften der Träume kommen ja nicht von außen oder von oben, sie kommen aus uns. Jede Nacht drehen wir einige dieser Kinofilme und sind Regisseurinnen und Regisseure bis hin zu den Darstellerinnen und Darstellern alles selbst. Das heißt, wir haben aus einem bestimmten Grund diese Filme gedreht, und deswegen können wir auch diese Botschaften verstehen. Grundsätzlich zeigen alle Träume uns an, welche Aufgabe wir lösen sollen. Sie tun dies oft in extremen und hochemotionalen Bildern, aber immer sinnvoll und genau. Sich selber kann man belügen, in den Träumen geht das nicht.

Warum sind Träume so schwierig zu verstehen?
Diese Frage habe ich mir lange und oft gestellt. Die Antworten, die ich gefunden habe, sind vielfältig. Ich denke, es fällt uns schwer, weil wir keine Kultur des Träumens haben, wie dies früher in allen Kulturen üblich war. Und ich glaube, dass die bildhafte Sprache der Träume schwierig für uns ist, weil wir eher in Worten denken, dass aber die nächtlichen Bilder viel genauer und differenzierter uns Antworten liefern können, als es die Sprache tut. Träume sind manchmal schwierig zu verstehen, aber Entwicklung ist ja nicht immer einfach. Sie verlangt unsere ganze Ehrlichkeit, wenn es gut weitergehen soll.

Was sind die häufigsten Träume und was bedeuten sie?
Häufige Träume sind zum Beispiel Träume von schwierigen Prüfungssituationen oder verpasste Zugreisen. Menschen stehen ja auch im Leben oft vor ähnlichen Aufgaben. Wir sind manchmal unsicher, ob das, was wir wissen und können, auch ausreicht. Manchmal sollten wir Dinge auf Schiene setzen und verzetteln uns mit Nebensächlichkeiten. Aber auch Flugträume oder Verfolgungsträume kommen häufig vor.

Kann man seine Träume lenken?
Ja, das kann man lernen, und das nennt man dann luzide Träume. Da weiß man im Traum, dass man träumt, und kann ihn dadurch lenken. Das macht Sinn für Menschen, die unter schweren Depressionen leiden oder beruflich bedingt alles unter Kontrolle halten müssen, wie zum Beispiel im Spitzensport. Ansonsten aber gehe ich davon aus, dass die Quelle der Träume weiser und kreativer ist, als unser Alltagsbewusstsein und wir dem vertrauen können.

Gibt es Tipps, wie man seine eigenen Träume deuten kann, und hilft ein Traumtagebuch?
Ein Traumtagebuch hilft, dass man sich besser an seine Träume erinnern kann. Auch werden durch das Aufschreiben schon Assoziationen angeregt, und man beginnt die Botschaft der Träume im Hinblick auf Ereignisse des Alltags zu begreifen. Aber oft ist ein Gegenüber hilfreich, das die richtigen Fragen stellt. Nichts anderes mache ich in der Praxis. Ich stelle Fragen, und die Menschen schmieden sich durch die Antworten, die sie geben, selbst jenen Schlüssel, der die Tür zum Verständnis aufsperrt.

Was halten Sie von Traumdeutungen im Internet?
Ehrlich gesagt, wenig. Wie soll denn jemand anderes über meine Träume mehr wissen als ich selbst? Ich hab ja den Traum erschaffen, und deswegen bin auch ich die Expertin im Verstehen. Menschen brauchen bloß eine Hilfe, die Art der Sprache verstehen zu lernen. Das Internet verunsichert eher, als es hilft.