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People | 03.10.2019

Mut zur Glatze!

Die Salzburgerin Elfriede Pöttgen ist vor zwölf Jahren an Krebs erkrankt. Bei einem Foto-Shooting entschied sie sich damals, ihre Haare ganz abzurasieren. Denn ohne Haare gefällt sie sich am besten – bis heute.

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(c) Hannelore Kirchner

Elfriede Pöttgen ist eine vielseitige Frau: Sie ist Fotografin, Chefköchin, Curvy-Model, Mutter von drei Töchtern, Oma. Und das alles mit voller Leidenschaft. Die 50-jährige Salzburgerin ist extrovertiert, ihren Körper zieren viele Tattoos und die Haare sind abrasiert. Dass sie mit ihrem äußeren Erscheinungsbild viele Blicke auf sich zieht, ist ihr bewusst: Mit ihrer Glatze setzt Elfriede Pöttgen ein Zeichen für all jene Frauen, die krankheitsbedingt keinen Haarwuchs haben. Sie möchte Mut machen und zeigen, dass man sich ohne Haare nicht hinter einer Perücke verstecken muss. Dass man selbstbewusst sein kann und sich schon gar nicht von seiner Krankheit definieren lassen soll.

Unser look! Salzburg: Elfriede Pöttgen, Sie tragen Ihre Glatze seit fünf Jahren aus Überzeugung. Welches Zeichen möchten Sie mit Ihrem Äußeren setzen?
Elfriede Pöttgen: Die Glatze ist mein Markenzeichen. Ich verziere außerdem gerne mein Haupt mit Hennatattoos. Es gefällt mir nicht nur wahnsinnig gut, sondern es geht dabei auch darum, andere Frauen zum Nachdenken anzuregen. Kopfbemalung ist eine Möglichkeit zu zeigen, dass man sich nicht verstecken muss, dass man schön ist, wie man ist – ob mit oder ohne Haare. Frauen sollten zu sich stehen und selbstbewusster sein. Natürlich verändert man sich durch eine Krankheit, aber man sollte seine Schönheit nicht an Äußerlichkeiten festmachen. Zu speziellen Anlässen wie zur Festspielzeit male ich mir ein Hennatattoo auf den Kopf. Da bin ich ein richtiger Hingucker, vor allem Frauen sehen mich dann an. Und ich denke schon, dass den meisten gefällt, was sie sehen.

Können Sie trotzdem auch Frauen verstehen, die zum Beispiel nach einer Erkrankung ihre Haare verlieren und lieber eine Perücke tragen möchten?
Selbstverständlich! Jeder sollte das machen, womit man sich gut fühlt. Jedoch rate ich allen Frauen, die sich für eine Perücke entscheiden, zu einem guten Perückenmacher zu gehen, der sein Handwerk versteht. Was ich ebenfalls absolut in Ordnung finde ist Permanent-Make-up. Wenn man sich beispielsweise die Augenbrauen machen lässt und somit seinem Gesicht wieder einen Rahmen gibt. Ich verurteile niemanden. Frauen können Hauben aufsetzen, Perücken tragen oder sich eben eine Glatze rasieren. Ich kann nur sagen, dass ich für mich persönlich die beste Entscheidung getroffen habe. Ich fühle mich toll mit Glatze. Glatze ist sexy! Man sorgt für Staunen, man sorgt für Fragen und vor allem: Mit Glatze macht man Mut!

Welche Rückmeldungen bekommen Sie von Ihrer Umgebung im Bezug auf Ihre Glatze?
Ich werde oft auf mein Äußeres, hauptsächlich auf meine Glatze, angesprochen. Vor allem Kinder kommen auf mich zu und schauen mich mit großen Augen an. Die Eltern schämen sich dann oft und weisen ihre Kinder zurecht. Auch von jüngeren oder älteren Menschen werde ich häufig angeschaut. Ich bin aber ein sehr extrovertierter Mensch, gehe offen damit um und stehe zu meiner Glatze. Neulich kam eine Frau auf mich zu und hat gemeint „Ich wäre gerne so mutig wie du!“ Ich finde es toll, wenn Menschen durch mich anfangen nachzudenken, vielleicht dadurch auch selbstbewusster mit ihrer eigenen Situation umgehen können.

Welchen Ratschlag können Sie Frauen geben, damit sie sich selber während einer (Krebs-)Erkrankung besser fühlen?
Ich glaube, man kann niemanden zwingen, das zu tun, was andere wollen. Das geht nicht. Ich habe lange Zeit als Krankenschwester auf einer Palliativstation gearbeitet und habe gelernt, dass man jemanden nur annehmen kann, wie er ist, beziehungsweise nur versuchen kann, das zu tun. Viele Menschen waren während meiner Krebserkrankung überfordert. Aber am meisten hilft man, wenn man einfach nur da ist und zuhört. Man kann die Situation nicht ändern und vor allem „braucht“ man auch nichts zu ändern. Niemand muss für andere eine Lösung finden. Reden tut gut. Gespräche mit Freunden und Familie waren sehr hilfreich. Und: Es sollten sich viel mehr Frauen mit Glatze fotografieren lassen, weil es einfach ein Teil davon ist, mit der Krankheit umzugehen. Es ist so wichtig, dass sich Frauen sexy fühlen, auch wenn ihnen etwas fehlt. Man soll sich nicht schämen. Nicht vor dem Partner, nicht vor seinen Freunden und schon gar nicht vor sich selbst!

Was hat Ihnen bei Ihrer Krebserkrankung und während der Zeit der Chemotherapie Kraft gegeben?
Ich bin vom Typ her ein sehr sonniges Wesen, ich denke meistens positiv. Das hat mir sicher sehr geholfen. Meine Kinder, obwohl sie damals noch relativ klein waren, haben mir den meisten Halt gegeben. Ich hatte aber nie diese Panik, dass ich sterben müsste. Das hätte ich vielleicht heute eher, jetzt, wo ich Großmutter bin. Zu wissen, dass ich meine Enkelkinder nicht aufwachsen sehen könnte. Aber damals als Mutter habe ich viel um die Ohren gehabt – ein Haus, die Kinder – vielleicht hatte ich einfach nicht die Zeit, um nachzudenken.

Sie haben lange Zeit als Krankenschwester auf einer Palliativstation gearbeitet. Seit kurzem haben Sie den Beruf gewechselt und sind jetzt Chefköchin in der Creativ-Werkstatt in Hallein. Warum die berufliche Neuorientierung?
Mit 50 Jahren ist es für mich einfach Zeit geworden, meinen Beruf zu wechseln und meinem Leben nochmal eine andere Richtung zu geben. In der Creativ-Werkstatt in Hallein habe ich neben der Küche auch ein Fotostudio. Das heißt, ich koche und fotografiere dort. Das macht mir unglaublich viel Spaß, läuft auch gut und ich bin total happy mit meiner Entscheidung.

Was ist Ihr Lebensmotto? Was ist für Sie wichtig?
Durch meine jahrelange Arbeit auf der Palliativstation habe ich mitbekommen, wie schwer man stirbt, wenn man mit sich selber nicht im Reinen ist. Man merkt am Sterben eines Menschen, wie er gelebt hat. Wenn ich heute sterben müsste, würde ich mir wünschen, dass es meinen Kindern und Enkelkindern gutgeht, dass sie noch ein großes Leben vor sich haben dürfen. Aber an das Sterben denke ich nicht so oft. Ohne mich wäre es ja langweilig in Salzburg! (lacht)