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People | 04.02.2018

Small is beautiful

Schneller, höher, weiter? Nichts für Simone Kamleitner. Vor rund zwei Jahren hat sie ihr Leben von Grund auf geändert und lebt seither getreu dem Motto „Weniger ist mehr“. Und zwar in einem „Mikrohaus“ auf exakt 27,5 m2. Wir haben sie besucht.

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Credit: Thomas Kirchmaier

Idyllisch liegt es da. Das kleine Minihaus, das einem dieser Container ähnelt, die man von Campingplätzen her kennt. Nur viel stylischer. Sagen wir, eine Mischung aus Container und Architektenhaus. Die Lage: ein Traum. Auf einem sanften Hügel oberhalb der kleinen Ortschaft Schleedorf im Salzburger Flachgau, mit unbegrenztem Panoramablick in das Voralpenland. Freiheit, Ruhe, Offenheit. Die Welt scheint einem hier zu Füßen zu liegen. Die Größe: Naja. 27.5 m2 soll das kleine Haus haben. Klingt überschaubar. Und an nichts soll es ihm fehlen. Wir sind gespannt.

Simone begrüßt uns fröhlich von der Terrasse aus. Obwohl Winter, sitzt sie im kurzärmeligen Shirt auf einem ihrer gemütlichen Stühle mit kuscheliger Auflage aus Lammfell und trinkt genussvoll ihren duftenden Kaffee. Lasst sich die Sonne ins Gesicht scheinen und tankt Ruhe und Energie. Noch immer ist sie jeden Tag aufs Neue überwältigt von dieser Aussicht. Auch wenn sie mittlerweile bereits seit zwei Jahren dieses „Tiny House“, wie sie es liebevoll bezeichnet, ihr Eigen nennt. Die Lage ist wunderschön, aber im Vergleich zu Salzburg, wo Simone die letzten 20 Jahre ihres Lebens verbracht und ihre eigenen Werbeagentur geführt hat, vielleicht doch ein bisschen abgeschieden? Simone lacht. „Nein gar nicht“, sagt sie. „Ich liebe das Landleben und in 30 Minuten ist man ja in der Stadt.“

Veränderung auf allen Ebenen.Sie öffnet sie uns die Tür zu ihrem kleinen Reich. Unglaublich, aber wahr: Ganze vier Räume finden auf dieser kleinen Fläche Platz. Eine Wohnküche mit geselliger Sitzecke, eine gemütliche Schlafkoje, eine winziges Bad mit Dusche und WC und sogar ein Büro mit einem Lesesofa finden hier Platz. Die großzügige Terrasse als wertvoller Lebensraum ist da noch gar nicht mitgerechnet.„Ich lebe und arbeite hier, ich fühle mich so gut wie schon lange nicht mehr“, strahlt Simone. Und das hat nicht nur mit dem Haus zu tun sondern mit der klaren Entscheidung, ihr Leben und ihren Lebensstil zu ändern. „Eines Tages — ich hatte solchen Stress im Job — hab ich mich gefragt: Wozu das alles? Was brauch ich wirklich im Leben?“, da hat sie gespürt, dass weniger mehr sein kann und wie befreiend ein minimalistisches Leben ist. Noch am selben Tag hat sie sich ins Netz begeben um online nach einem Wohnwagen zu suchen, in dem sie ihr neues Leben führen wollte. „Das war dann doch zu krass“, erinnert sie sich zurück. „Aber als ich dann dieses Haus sah, wusste ich sofort: Das ist meins!“ Und wie der Zufall es will, stand das Haus zur Besichtigung nur unweit von ihrem damaligen Zuhause in Bergheim bei Salzburg entfernt. Sie kaufte es. Obwohl sie kein Grundstück dafür hatte. „Ein bisschen verrückt war ich immer schon, aber wer ist das nicht?“, zwinkert Simone. Auch die Grundstückssuche verlief sagen wir „schicksalshaft“ weil an Zufälle glaubt Simone nicht wirklich.
„Alles im Leben macht Sinn, auch wenn man den vielleicht noch nicht gleich erkennt“. Auch was ihre Arbeit betrifft, hat dieser schicksalshafte Tag eine große Veränderung bewirkt. Seither arbeitet sie zwar nicht nicht weniger, dafür anders. „Ich mache nur mehr das, was mir wirklich Spaß macht. Bei allem, was ich tue, überlege ich mir, ob ich das auch möchte, das kostest mir viel weniger Anstrengung,“ bestätigt die Kreative diese neue Erfahrung. Damit einhergehend hat sie auch ihr Shopping-Verhalten radikal umgestellt. Ihre in Natur- und Nudetönen gehaltene Garderobe ist gut sortiert, alles ist miteinander kombinierbar. Sie brauche keine 20 Jeans mehr, zwei Lieblingsstücke sollten reichen.

 

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Credit: Thomas Kirchmaier

Die Harmonie der Ordnung. Simone Kamleitner liebt Aufräumen und Ordnung. So aufgeräumt wie heute, ist es übrigens immer. Die Einrichtung und der Einrichtungsstil sind schlicht und farblich zurückhaltend, in hellen, freundlichen Tönen gestaltet. Alles andere würde die kleine Wohnfläche überladen. Einzige Farbtupfer sind die pastellfarbenen Accessoires wie Kissen und Dekoobjekte. „Wenn die mir mal nicht mehr gefallen, dann tausche ich sie aus und schenke die alten her“, vom Horten und Sammeln hält die Minimalistin nämlich gar nichts. Die Möbel sind aus Holz,
vom Tischler nach ihren eigenen
Wünschen und Vorstellungen maßgefertigt. Alles hier ist aufeinander abgestimmt und ergibt ein harmonisches Ganzes.

Loslassen schafft Raum für Neues. Die letzten beiden Jahre ihres Lebens waren geprägt vom „Loslassen“: Dinge, Jobs und auch Menschen. Alles, was nicht mehr gut tat, musste weg. Raum für Neues entstand. So wie die Idee, professionell Minihäuser zu vermarkten. Mit ihrer Zwillingsschwester Petra Falch gründete sie das Unternehmen „Me&Me Lebensraumgestaltung“. Sie gestalten gemeinsam Wohn- und Arbeitsräume sowie private und öffentliche Gärten und Gartenanlagen und entwickeln in Kooperation mit heimischen Handwerkern individuell gestaltete Mikrohäuser. Das Interesse an dem neuen Lebenskonzept ist groß. Regelmäßig veranstalten Simone und ihre Schwester Petra Tage der offenen Tür (www.meandme.at). „Die Leute sind begeistert und finden diese Art des Wohnens und der Innenraumgestaltung cool. In Wahrheit steckt aber ganz schön viel Arbeit und Feinabstimmung dahinter, dass alles so harmonisch und stimmig wirkt“, sind sich die beiden Schwestern einig. Ob ihr hier manchmal alles ein wenig „zu klein“ sei? „Niemals! Ich liebe dieses Ding! Manchmal sitze ich hier auf der Terrasse und habe Herzweh vor Glück. Hier bin hier angekommen.“