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People | 05.06.2019

Weil Gutes tun die Welt verändert

Ist es möglich, mit kleinsten Mitteln, mit kleinen positiven Impulsen die Tagesqualität der Menschen von negativ auf positiv zu drehen? Claudia Kanz, Initiatorin der RAK-Bewegung, ist davon überzeugt. Wir sprachen mit der 48-jährigen Salzburgerin über ihre Random-Acts-of-Kindness-Bewegung.

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(c) Thomas Kirchmaier

Als wir Claudia Kanz zum Interview im Coworking Space in Itzling treffen, strahlt sie über beide Ohren. „RAK hat mein Leben verändert“, sagt sie zur Begrüßung, und man spürt die Vorfreude, uns von ihrer Idee, die mittlerweile zu einer Initiative herangewachsen ist, zu berichten. „RAK“ ist die Abkürzung für „Random Acts of Kindness“, was übersetzt so viel bedeutet wie „zufällige nette Taten“. Zum ersten Mal mit diesem Thema in Berührung gekommen ist die 48-jährige Kanz im Februar dieses Jahres. Sie kann sich noch genau an diesen „magischen“ Moment erinnern: „Es war am 3. Februar. Ich lag im Bett und las wie oft sonntags gemütlich die Times.“ Dabei stolperte sie über einen Artikel über die Immobilienmaklerin Candice Payne, die in einer extrem kalten Woche bei Temperaturen bis zu minus 28 Grad 30 Hotelzimmer für Obdachlose in Chicago bezahlte, damit sie nicht im Freien frieren oder gar sterben müssen. Initialzündung. „Ich las begeistert, wie sich weitere Menschen in diese Aktion einbrachten. Restaurants lieferten Essen, Kleidung wurde gespendet, und viele Geldspenden kamen hinzu.“

Durch Paynes „Tat“ – ihren „Act of Kindness“ – konnten 30 der ärmsten Menschen der Stadt eine ganze Woche der bitteren Kälte entgehen. Der Bürgermeister Chicagos war so begeistert, dass er versprach, dass die Stadt bei der nächsten Kälteperiode leerstehende Gebäude für die Obdachlosen öffnen würde. „Solche privaten Aktionen zeigen der Politik, was zu tun ist“, so Kanz. Was die Menschen brauchen. „Nach dem Lesen des Artikels war ich hellwach und wusste: ‚Das ist es! Das braucht die Welt. Das brauchen die Menschen. Auch in Österreich. Oder gerade hier. Wenn Wirtschaft und Politik bereits mehr gelten als die Menschen, die hier leben, braucht es wieder mehr Verbindung untereinander.“ Sie spürte die Sehnsucht nach mehr Verbindung zwischen den Menschen schon länger, konnte jedoch nicht genau definieren, was es dafür brauchen würde. An jenem Sonntag jedoch fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. „Wir Menschen wollen den anderen ‚sehen‘, einander anlächeln, in die Augen schauen, einander helfen. Wir sind nun mal Herdentiere und haben Sehnsucht nach Zusammenhalt. Wir werden in dieser digitalen Welt mehr und mehr zu Einzelwesen gemacht. Es ist wie von der Herde getrennt zu werden, damit wir leichter zu kontrollieren sind. Sinn des Menschseins ist aber doch, miteinander und füreinander da zu sein oder etwa nicht? Da will RAK eine ganz einfache Möglichkeit sein, das Miteinander auf einer ganz niederschwelligen Ebene wiederzuentdecken.“Sofort an jenem Sonntag begann sie mit ihrer Recherche zu „Random Acts of Kindness“. Und war überrascht, dass es diese Bewegung im US-amerikanischen Raum schon länger gab, ebenso in Deutschland. „Ich fand heraus, dass es zu diesem Thema bereits wissenschaftliche Untersuchungen gab, in denen die positiven Folgen von kleinen guten Taten in der eigenen Umgebung dahingehend untersucht wurden, wie unser Gehirn auf RAKs reagiert. Es ist erwiesen, dass man mit kleinsten Mitteln, mit kleinen positiven Impulsen die Tagesqualität der Menschen von negativ auf positiv drehen kann. Das gilt aber nicht nur für die beglückte Person, sondern auch für einen selbst. Man pflanzt ein positives Erlebnis in die Welt, das unbewusst von den Beglückten weitergetragen wird. Du schaust zu und empfindest das gleiche Glück.

Der Spruch ‚Ein fröhlicher Mensch trifft keine grantigen Entscheidungen‘ fiel mir ein“, erinnert sich Kanz zurück. „Und man kann überall ‚RAKen‘: im Bus, im Büro, im Bett!“, lacht sie.Im Netz fand sie unzählige Tipps und Anregungen und sammelte Hunderte davon. Von allgemeinen Gesten und Zeichen der Höflichkeit, wie freundlich zu sein oder jemandem die Tür aufzuhalten, bis hin zu Nachbarschaftsdiensten wie beispielsweise jemandem helfen, die Einkäufe zu schleppen, oder der alten Dame ums Eck die Mülltonne reinzustellen. Oder einfach aus purer Freude einen zweiten Kaffee („suspended coffee“) zu bezahlen und dem Kellner zu sagen, dass dieser für die nächste Person sei, die einen bestellt, und er nur sagen solle, er sei bereits bezahlt. „Ich fand es genial und probierte die Tipps selbst aus. Mit jedem ‚RAK‘ veränderte ich mich, gemeinsam mit den Beglückten. Ich war total positiv, freundlich, richtig heiß darauf, jemanden glücklich zu machen oder zumindest zum Lächeln zu bringen“, so die Powerfrau. „Und ich fand heraus, dass es mehr Menschen wie mich gibt, die einfach nur noch keinen Namen für ihre kleinen Freundlichkeiten hatten. Sie taten es einfach.“Binnen kürzester Zeit hatte die Kommunikationsstrategin einen Namen für ihre Initiative sowie ein Logo und einen Slogan aus dem Boden gestampft. „Als Kommunikationsexpertin war mir klar, das Ding braucht einen Namen, eine Marke, um kommuniziert und wahrgenommen zu werden und als Bewegung wachsen zu können.“

Das „Ding“ nannte sie „RAK“, weil sie „Random Acts of Kindness“ als zu sperrig empfand. Das Logo ist ein rotes Herz auf blauem Hintergrund, der Slogan lautet: „Einfach damit du dich freust.“„Das hat zwei Gründe. Zum einen ist es besser verständlich, was wir tun, und zum anderen verstehen die Beglückten, dass im Gegenzug nichts von ihnen erwartet wird. Wenn du jemandem einen Glücksstein in die Hand drückst, sind einige Leute zuerst irritiert und glauben, sie müssen dir jetzt Geld geben“, lacht Claudia Kanz. Diese Erfahrung verdankt sie den Kindern der NMS Lofer, die sich dank einer engagierten Lehrerin mit dem Thema RAK in einem Schulprojekt auseinandergesetzt haben.First steps. Ihre erste „Aktion“ setzte Claudia Kanz am 14. Februar an ihrem Arbeitsplatz im Coworking Space. Anlässlich des diesjährigen Valentinstags schenkte sie jedem Co-Worker eine Blume. „Unglaublich, was so ein kleines Geschenk auslösen kann. Es war so viel Freude zu spüren, so viel Resonanz.“ Gutes tun verändert die Welt. „Auch wenn es noch so klein ist. Nicht nur die große, weite Welt, sondern auch deine eigene“, ist sich Claudia Kanz sicher. Und all ihre Mitkämpferinnen, die sich selbst als „RAKtivist_innen“ bezeichnen und von Woche zu Woche mehr werden, sind ebenso davon überzeugt: „RAK macht etwas mit einem, Kindness ist so sexy“, so Romy Sigl, Gründerin des Coworking Space Salzburg und eine der ersten Aktivistinnen der Bewegung. Claudia Kanz hat ein Team von fünf Frauen um sich versammelt, die sich zum Gedanken- und Ideenaustausch treffen. Unter ihnen auch Consultant Sin-Wei Tan, die „einfach viel mehr lächelnde oder lachende Menschen sehen möchte“.

Wöchentlich wächst die Community auf Facebook und Instagram. „Unsere Vision ist es, dass sich die Plattformen von selbst bespielen, die Menschen von ihren Erfahrungen berichten und neue Ideen einbringen“, so Sigl. Die Vision in Zahlen: 25.000 Follower innerhalb des nächsten Jahres. „Das ist ein hohes Ziel, aber man kann gar nicht groß genug denken“, so die 37-Jährige lachend. Sie erzählt von einer ihrer letzten RAK-Aktionen. Auf der Fahrt in ihren Wohnort Oberndorf fuhr sie kürzlich in Elixhausen an einem Autostopper vorbei. Erst später fiel ihr ein: „Wer, wenn nicht ich als RAKtivistin soll einen Autostopper mitnehmen?“ Gesagt, getan. Sigl drehte um, fuhr zwei Kilometer zurück und las den noch immer im Regen stehenden Autostopper auf.