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People | 12.03.2018

Wild im Herzen

Scheu, vorsichtig und unnahbar – so kennt man es, das majestätische Rotwild in freier Natur. Auch die Wildtiere im Angertal scheuen die Menschen – alle bis auf einen.

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Bildcredit: Thomas Kirchmaier

Thomas Tscherne ist Hotelier, Jäger und Förster. Er hat es sich im Angertal in Bad Hofgastein zur Aufgabe gemacht, im Winter Rotwild zu füttern und so den Bestand aufrechtzuerhalten. Wir von look! Salzburg haben den leidenschaftlichen Naturliebhaber auf 1.700 Metern Höhe getroffen und ihn bei der Wildtierfütterung begleitet.

 

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Bildcredit: Thomas Kirchmaier

Der Hirschflüsterer aus Gastein. An einem frühen Samstagmorgen machen wir uns von der Stadt Salzburg auf den Weg nach Bad Hofgastein zu einem Mann, der seit über 20 Jahren - je nach Schneelage von Oktober bis Mai - im Angertal „seine“ Hirsche füttert. Die Autofahrt führt in das verschneite und fast märchenhaft-charmant wirkende Bad Hofgastein, das im Sommer wie im Winter für Sport, Erholung und Entspannung inmitten der Berglandschaft bekannt ist.

Im Skizentrum Angertal treffen wir Thomas Tscherne, den „Hirschflüsterer“, wie ihn die Einheimischen gerne nennen. Wir werden herzlich von ihm und seiner Hündin Anschi begrüßt. Thomas Tscherne ist ein waschechter Gasteiner und mit Leib und Seele Jäger. Seine „Arbeitskleidung“ ist eine einfache Lederhose, die von einem Tier stammt, das er einst geschossen hat, sowie eine braune Lodenjacke. Nachdem er die schweren Schneeketten an den Reifen seines Geländewagens befestigt hat, geht es mit dem Gefährt, das er liebevoll „Biest“ nennt, Meter für Meter gemeinsam durch den Schnee auf einen schmalen Weg auf 1700 Meter Höhe, wo seine scheuen Schützlinge bereits auf das Frühstück warten. „Die Hirsche werden täglich um die gleiche Uhrzeit von mir gefüttert“, erzählt er uns. Seit Beginn der 50er Jahre wird das Rotwild im Angertal mit Futter versorgt, da sich zu dieser Zeit bereits eine Verdrängung aus dem natürlichen Lebensraum durch den Tourismus und die sich ausbreitende Infrastruktur abzeichnete. Der 49-jährige gebürtige Gasteiner versorgt die Tiere mit rund 150 Tonnen Futter pro Winter. Dabei hatte er es am Anfang besonders schwer. „Als ich mit der Fütterung begonnen habe, gab es zu dieser Stelle, wo ich heute die Hirsche versorge, noch keinen befahrbaren Weg hinauf. Das Futter musste jahrelang mit dem Hubschrauber transportiert werden und ich machte mich täglich zu Fuß auf den Weg. Je nach Wetter- und Schneebedingungen brauchte ich knapp drei Stunden, bis ich bei den Tieren war“, erklärt er. Einige Jahre später ließ er schließlich einen Weg hinauf bauen – auf eigene Kosten.

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Bildcredit: Thomas Kirchmaier

Ein atemberaubender Anblick. Oben angekommen, steigen wir aus dem Wagen. Wir sind von der schneebedeckten und unberührten Landschaft mitten in der Bergwelt der Hohen Tauern bereits so überwältigt, dass wir die scheuen Blicke der Hirsche hinter der kleinen Futterscheune im ersten Moment gar nicht wahrnehmen. „Hirscherl, kommt’s, heute bringe ich euch Besuch mit!“, ruft Thomas Tscherne dem Wild zu. Und tatsächlich – langsam und majestätisch kommen die Hirsche auf uns zu. Tscherne bringt uns einen Eimer voll Weizenkleie, mit dem wir die prachtvollen Tiere füttern dürfen. Die richtige Fütterung spielt dabei eine große Rolle, wie er uns erklärt: „Weizenkleie regt die Produktion des Verdauungssaftes der Tiere an und fördert das Wiederkäuen. Mit dem falschen Futter würden sie binnen kürzester Zeit sterben.“ Die Schneeflocken fallen langsam zu Boden und es ist bedächtig still. Man hört nur das Atmen der Hirsche und die eigenen schweren Schritte im Schnee. „Die Tiere sind auf die Fütterung angewiesen“, sagt Thomas Tscherne und betont, dass der Mensch im Zuge einer sich ständig intensivierenden Landschaftsnutzung einfach die Verpflichtung habe, dem Wild eine artgerechte Fütterung zu bieten. Während bereits eine beträchtliche Anzahl an Hirschen an der Weizenkleie knabbert, geht der Naturliebhaber zurück in die hölzerne Scheune und schaufelt das weitere Futter aus feinstem Luzernenheu und Maissilage in eine Ziehkarre, mit der er die zehn großen Futterstellen auffüllt, die auf dem Platz verteilt sind.

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Bildcredit: Thomas Kirchmaier

Gabi, Bambi und Feignuss. „Gabilein, das ist für dich!“, ruft der Hirschliebhaber und nähert sich dem Tier mit einer Handvoll Heu. Zu Gabi gesellen sich bald auch Bambi und Feignuss. Mächtige Hirsche, Hirschkühe und kleine Hirschkälber kommen her und lassen sich das Festmahl schmecken. „Hier sind ungefähr 150 bis 200 Hirsche. Ich kenne alle und habe ihnen einen Namen gegeben“, sagt der Hirschflüsterer stolz. In den ersten fünf Jahren war es aber wohl eher eine „Phantomfütterung“, wie Thomas Tscherne es selbst nennt. Denn während er in den Anfängen die Futtertröge mit Heu aufgefüllt hat, hat er nie ein einziges Wild zu Gesicht bekommen. „Hirsche sind sehr intelligent, lernen aus Erfahrung und kommen in der Regel nur dann, wenn sie sich absolut sicher fühlen oder sonst vor Hunger sterben würden“, erzählt der Experte. „Besonders zu Beginn war es wichtig, immer zur selben Zeit heraufzukommen und den gleichen Ablauf der Fütterung beizubehalten, damit sich die Tiere daran gewöhnen und lernen, dass ihnen nichts passiert“, sagt Thomas Tscherne. „Denn leider haben die Tiere vor allem erfahren, dass wir Menschen gefährliche Feinde sind, und nicht, dass wir ihnen auch Gutes tun können“, fügt er hinzu. Das Vertrauen zwischen dem Hirschflüsterer und den Wildtieren baute sich so von Jahr zu Jahr langsam, aber stetig auf und mit der Zeit konnte er ihnen beim Fressen zusehen.

 

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Bildcredit: Thomas Kirchmaier

Ein Kindheitstraum wird wahr. Bereits mit acht Jahren wusste der Gasteiner, dass er beruflich etwas mit Tieren machen möchte. „Da wir zu Hause keinen Bauernhof hatten, brachte mich meine Mutter auf die Idee, Förster zu werden. Von da an war klar, welchen Weg ich gehen würde, und ich machte später die Ausbildung zum Jäger und Förster“, erzählt uns Thomas Tscherne. Sein Lebensweg hielt ihm jedoch viele Abwechslungen bereit und so entschied er sich mit 20 Jahren, nach Kalifornien zu gehen, um dort unter anderem als Helikopter-Fluglehrer tätig zu sein. Den Bezug zu seiner Heimat Gastein verlor er aber nie. Er kehrte einige Jahre später zurück, um dort gemeinsam mit seiner Frau Rosina in das Hotelgewerbe einzusteigen. Wenig später kaufte er das Hotel Weismayr, das er bis heute führt.

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Bildcredit: Thomas Kirchmaier

Jagdfreie Zone. Thomas Tscherne füttert täglich die Tiere, auch wenn es noch so schneit und die Temperaturen in eisigkalte Minusgrade fallen. „Ich halte so einiges aus!“, scherzt der Hotelier und schaufelt weiterhin das Futter in die Ziehkarre. Während wir vor Kälte zittern und die Füße bereits zu Eisklumpen frieren, schützen wir uns in der Zwischenzeit in der kleinen Futterscheune vor dem beißenden, kalten Wind. Der Hirschfreund füttert unentwegt die Tiere und trotzt der eisigen Kälte – ganz ohne Schal, ohne Handschuhe und ohne dicke Winterjacke. „Mir ist nicht kalt!“, lacht er. „Das ist alles Kopfsache. Wenn man etwas will, macht man es einfach und schafft es auch!“

Obwohl es so einige Interessierte gibt, die Thomas Tscherne hinauf auf sein Revier begleiten und ihm bei der Wildfütterung begeistert zusehen, gibt es auch viele, die ihn scharf kritisieren. Die meisten davon sind Kollegen aus der Forstwirtschaft. Sie urteilen, dass die Fütterung ein Eingriff in die Ökologie sei und sich die Wildtiere dadurch zu stark vermehren würden. „Wir Menschen haben den Lebensraum der Tiere schon genug beansprucht. Gäbe es die Futterstelle nicht, hätten die Tiere keine Chance, im Winter zu überleben“, ist Thomas Tscherne überzeugt. „Außerdem haben in meinen Augen viele nur die Geldmacherei im Wald im Kopf und nicht das Wohl der Tiere.“

Thomas Tscherne kämpft um den Platz, der den Tieren verblieben ist. Und wenn man einmal die Gelegenheit hatte, an diesen atemberaubenden Ort zu kommen und Hunderte Wildtiere erleben zu dürfen, ist man von der unberührten Natur überwältigt. Für einen kleinen, besonderen Moment kann man Teil von einer Welt sein, die einem normalerweise verborgen ist.

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Bildcredit: Thomas Kirchmaier