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People | 03.05.2018

„Wir sind für 
alle Frauen da!“

„Wir waren doch eine Bilderbuchfamilie …“, so oder so ähnlich beginnen viele Gespräche beim Frauentreffpunkt. Wenn eine Familie zerbricht, Existenzen auf dem Spiel stehen, Frauen von Sorgen und Ängsten belastet sind, helfen die Expertinnen der Frauenberatungsstelle weiter.

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Bildcredit: Thomas Kirchmaier

Mit juristischer Fachkompetenz, sozialrechtlicher Erfahrung und psychologischen Unterstützungsangeboten wollen die acht Beraterinnen des Frauentreffpunkts Salzburg die Frauen, die sie aufsuchen, zum Handeln, Verändern und Neugestalten motivieren. „Raus aus der Opferhaltung, den Blick in die Zukunft richten und eigene Ressourcen aktivieren, lautet die Devise“, so Dietlind Scharzenberger, eine der Mitarbeiterinnen. Wir trafen sie zum Gespräch.

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Credit: Thomas Kirchmaier

look! Salzburg: Frau Scharzenberger, welche Frauen kommen zu Ihnen in die Beratungsstelle?

Dietlind Scharzenberger: Es gibt keine „spezifische“ Frau, die unser Angebot annimmt. Umbrüche im Leben können jede Frau treffen. Unabhängig von ihrem sozialen Milieu, ihrer Nationalität, ihrer Bildung oder ihrem Alter. In vielen Bereichen haben die Frauen das Gefühl, gleichberechtigt zu sein. Das ist aber trügerisch. Relativ gewöhnliche Lebensereignisse, wie die Geburt eines Kindes, eine Trennung oder eine Krankheit, lassen uns Frauen dann schmerzhaft erleben, wo wir wirklich stehen. Erst in Krisensituationen zeigen sich finanzielle Schlechterstellung und Abhängigkeiten.

Wie sieht Ihr Unterstützungsangebot für ratsuchende Frauen aus?


Dank unserer breiten Fachkompetenz – in unserem Mitarbeiterinnen-Pool sind Juristinnen, Psychologinnen oder Sozialarbeiterinnen vertreten – können wir unseren Kundinnen ein sehr breites frauenspezifisches Angebot anbieten. Das geht von der Rechtsberatung bei Trennung und Scheidung über berufliche Laufbahnplanung, Sozialberatung bei finanziellen Problemen bis hin zur psychologischen Beratung bei Depressionen, Ängsten oder Lebenskrisen.

Warum kommen die Frauen gerade zu Ihnen? Was macht Sie so besonders?


Wir betrachten die Frauen als Expertinnen ihres eigenen Lebens, möchten sie stärken in ihrem Selbstbewusstsein und selbstbestimmten Leben. Was uns so besonders macht, ist sicherlich unser breites Angebot. Viele Frauen haben Themen auf verschiedenen Ebenen, die hier bei uns zusammenhängend behandelt werden können. Darüber hinaus sind wir sehr gut vernetzt mit anderen Sozial- und Gesundheitsangeboten und wissen, wohin sich frau wenden kann, wenn es spezialisiertere Einrichtungen braucht. Wir unterstützen vertraulich und unbürokratisch und stehen hinter den Frauen. Unser Angebot ist kostenlos und kann so oft wie nötig und sinnvoll in Anspruch genommen werden.Island will bis 2022 das Gender-Pay-Gap (Lohnungleichheit) abschaffen.

Was wünschen Sie sich für Österreich?


Natürlich treten wir auch für eine gleichwertige Entlohnung ein. Ohne strikte gesetzliche Regelungen zur Gleichstellung können wir dieses Ziel nicht erreichen. Warum soll eine Frau, die in der Privatwirtschaft tätig ist, um ein Fünftel weniger verdienen als ein Mann? Und das passiert mitten in Europa, in einer angeblich modernen Gesellschaft. Geld ist beim Thema Gleichberechtigung immer noch eine heilige Kuh, gerade in Österreich. Wir wollen, dass auch in unserem Land Frauen und Männer Lohngleichheit erfahren.

Was halten Sie von der Protestorganisation Pinkstinks und Heidi Klum?


Diese junge Organisation arbeitet voll in unserem Sinne. Sie zeigt ihren Ärger auf kreative und freche Weise. Sie reagiert beispielsweise auf die neue Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ mit einer Gegenkampagne in Form eines Videos mit dem Titel „Not Heidi’s Girl“, das gegen die präsentierten Schönheitsnormen in der Castingshow von Heidi Klum protestiert. Wir sind der Meinung, starre Geschlechterrollen bringen uns in unserer gesellschaftlichen Entwicklung nicht weiter. Wir „verblöden“ unsere Mädchen mit Schönheitswahn und weltfremden Klischees vom „Superweib à la Heidi Klum“. Eigentlich sollten junge Mädchen darin gestärkt werden, ihre eigenen Bedürfnisse zu entfalten und die menschliche Würde zu behalten, die sie später zu selbstbestimmten Frauen macht.

Welche Visionen haben Sie für Frauen und Männer in Österreich?


Jede Menge! Es ist unseren Kindern und Kindeskindern zu wünschen, dass sie ihr Leben und ihre Persönlichkeit frei und ohne jede Gewalterfahrung entfalten können. Dass es für ihre Chancen in ihrem Beziehungs- und Familienleben sowie im Arbeitsleben keine Rolle spielt, ob sie eine Frau oder ein Mann sind. Dazu gehört auf jeden Fall die ebenbürtige Bewertung von typisch „weiblichen“ und „männlichen“ Stärken. Unsere Gesellschaft schreibt Männern Rollen zu, die mit Macht und Geld verbunden sind, und Frauen jene, wo es um unbezahlte, wenig wertgeschätzte Familienarbeit geht. Wir müssen alles tun, um diese engen Zuschreibungen zu durchbrechen. Gelungene Gleichstellung lässt mehr Raum für andere Lebensmodelle – auch für Männer. Wenn Männer mehr soziale Kompetenzen lernen und leben, erweitert das ihr Handlungsrepertoire, ein Vorteil, der sich eventuell auch positiv auf die Arbeitswelt auswirken könnte. Auch Männer befinden sich in einem engen Rollenkorsett. Sie leiden unter der Erwartungshaltung, für alles eine Lösung haben zu müssen, stark und karriereorientiert zu handeln und für den Erhalt der Familie zu sorgen.

 

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Credit: Thomas Kirchmaier